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Zahnarzt-Odyssee

  1. November                                                                                                                                                                               

Zahnarzt–Besuch in Rendsburg. (Seit wann darf man eigentlich jede Füllung selbst bezahlen??) Die junge, noch etwas unwissende Zahnärztin, durchforstet meine Mundhöhle, die wie ein Geschichts-Rückblick für alle im Zahnmedizin-Metier arbeitenden Berufsgruppen wirkt.

Wenn Speisereste auf Kleidungsstücken manchmal Rückschlüsse darauf zulassen, was es bei einigen Personen zu essen gab, so findet man an meinem Gebiss wunderbare Erinnerungen an eine unfähige bulgarische Zahnärztin in Fürstenwalde, die statt einer schönen Porzellankrone eine Zahnverhüllung ähnlich einem Kaugummiklumpen verewigt hat, Gold-Inletts des darauf folgenden Spitzendentisten, Narben einer Zystenentfernung in Spremberg und fachmännische Qualitätsarbeit des fernwehkranken Dr. Reinhardts in Katzenelnbogen. Meine Freundin Ulli redet stets mit Engelszungen, um mich wenigstens ein mal jährlich wieder nach Katzenelnbogen, in seine begnadeten Zahnarzthände, zu treiben, um so das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.


Zurück zur Nachwuchszahnärztin, die beim Betrachten eines Löchleins laut überlegt, wie sie in dieser entlegenen Ecke meiner Mundhöhle mit dem Bohrer tätig werden kann. Ihr Chef kommt beratend hinzu und meint augenzwinkernd, dass man da einen Schnitt durch meine Wange ziehen müsste. Ich will auch einen Beitrag leisten und empfehle ein Bohren durch die hintere Schädelplatte, worauf er grinsend und mir Spaß wünschend wieder aus dem Behandlungszimmer entweicht.


2. November 

Anschließend düse ich zu meinem nächsten Termin bei der Zahn-Newcomerin. Ich entledige mich meiner Jacke, nehme gerade eine Illustrierte zur Hand, um mich in puncto Königshäuser wieder auf den neuesten Stand zu bringen, da werde ich schon aufgerufen und Minuten später mit zartem Händedruck der jungen Medizinerin begrüßt. Ehrfurchtsvoll und gespannt blickt sie in meine archäologische Mundhöhle und freut sich fast kindlich, dass ihr Provisorium bis zu dieser Stunde gehalten hat. Die junge Zahnarzthelferin benutzt meinen Brustkorb als Ablagetablett (Eine völlig neue und inspirierende Erfahrung, fühle mich wertvoll und mit einbezogen in meine zahnmedizinische Behandlung). Die Ärztin spricht liebevoll vom „Heidermann“, von „Förmchen“ und grünen und blauen „Keilchen“. Als sie bohren muss, sagt sie: “Ich brummel mal ein bisschen!“ Irgendwann weiß sie nicht weiter und zieht den Rat von Dr. F. ein, der zweimal helfend und beratend einschreitet. Zwischendurch sehe ich immer wieder auf das Plakat über mir mit dem bezeichnenden Namen „Onehundredchickenandoneworm“. Verzweifelt suche ich bis zum Ende den einzigen Wurm und werde nicht fündig. Nach einer und einer Viertelstunde des Offenstehens meines Ober- und Unterkiefers ist das Werk vollendet und mein Unterkiefer zittert vor Überanstrengung. Puh!


3. Februar

Um neun liege ich mit überstrecktem Kopf auf dem Zahnarztstuhl der Nachwuchszahnärztin, über mir heute ein Plakat mit „Onehundredelephantsandonemouse“. Immer wieder versuche ich, vorbei an der Lampe, einen Blick auf die zu suchende Maus zu erhaschen. Mein Kiefer lahmt und Frau E. benötigt nach einer Stunde „Dauerbrummeln“ ebenfalls eine Pause. Inzwischen ist es 11.00 Uhr und mein Oberkiefer wird mit einer farbenfrohen, aufgewärmten Kaugummimasse, zwecks Abdruck, versehen. Sieben Ewigkeits-Minuten, dann befreit mich Frau E. von der klebrigen Substanz, während ihr Magen in meiner unmittelbaren Ohr-Nähe verdächtig knurrt. Nach 3,5 Stunden Behandlung sehe ich auf das Tablett vor mir und erschaudere leicht beim Anblick der mit meinem Blut getränkten Wattebäusche und Werkzeuge. Ungewollt drängt sich mir der Vergleich eines Kriegsschauplatzes auf.


2. Mai

Nach fast einem Jahr statte ich meiner legendären Zahnarzt-Newcomerin einen Besuch ab. Über mir schweben heute "Onehundreddogsandacat". Die junge Zahnarzthelferin bringt mich in die stabile Liegeposition und gibt sich auf Spurensuche nach zu entfernendem Zahnstein, kratzt etwas hier, schleift etwas dort und überlässt das Feld schließlich der inzwischen versierteren Zahnärztin, die ihr blondes Haar mit rötlicher Note, hochgesteckt trägt und mich wie immer freundlich willkommen heißt. Zahn für Zahn begutachtet sie mit Kennerblick, schiebt die Haken in jeden Winkel meiner Mundhöhle und setzt zwei meiner Zähne auf die Risikoliste für von Karies bedrohte Kandidaten. Zu guter Letzt erfreut sie sich voller Stolz an ihrer vor einem Jahr, eigens für mich angefertigten, Zahnkrone und meint: „Sie sieht immer noch gut aus!“ Ein kurzes Pläuschchen über das ungewöhnlich heiße Wetter hier im Norden und schon eilt sie zu einem kleinen Patienten, dessen Angstschreie schon von weitem zu hören sind.


Ein paar Monate später


Ich sitze im Wartezimmer meiner Zahnarzt-Newcomerin und bin etwas verunsichert, da mir ein anderer Name der behandelnden Zahnärztin genannt wird. ‚Ob sie geheiratet hat?‘ , schießt es mir hoffnungsvoll durch den Kopf. Noch bevor ich meine Hand Richtung Illustrierte bewegen kann, werde ich aufgerufen. In freudiger Erwartung eines erneuten Zusammen-treffens plus Aussicht auf das Patienten freundliche "Onehundredcatsandonemouse-Plakat" kopfüber mir, sitze ich Sekunden später in stabiler Rückenlage im Behandlungszimmer 1. Ich sichte Schatten durch die milchige Glastür und begrüße kurz darauf leider nicht meine mir ans Herz gewachsene Zahnarzt-Newcomerin, sondern als erstes eine blondbezopfte Zahnarzthelferin, die mich mit kesser Zahnlücke anlächelt und mir auf Nachfrage erklärt, dass meine alte Bekannte sich im Mutterschaftsurlaub befindet. Die Milchtür öffnet sich erneut und herein kommt eine junge Frau mit hochgedrehtem Haar und dienstbeflissenem Gesichtsausdruck. Die Nachfolgerin wirkt resoluter, längst nicht so verträumt und begeisterungsfähig wie meine Zahnarzt-Newcomerin, die mit liebevollem Blick in meine Mundhöhle schmuhlte und sich kindlich freute über ihre erste handgefertigte Zahnkrone. Nur widerwillig öffne ich der Nachfolgerin meinen Mund und denke wehmütig an Dauerbrummeln, blutige Wattebäusche und meine kompetente Mitarbeit bei der Zahnbehandlung zurück. Nach einem Kurzbesuch im Röntgenraum, wo mir ein seltsamer, in die Zunge schneidender Keil in den Mund geschoben wird, bittet mich die Nachfolgerin an den PC und betrachtet gemeinsam mit mir die neuesten Veränderungen. Sie liest die Krankengeschichte meiner Zähne, die noch von meiner Zahnarzt-Newcomerin verfasst wurde. Ach ja! Nach zwölf Jahren Zahnbehandlung bei meinem geschätzten fernwehkranken Doktor Reinhardt in Katzenelnbogen und zweieinhalb Jahren bei meiner mir lieb gewordenen Zahnarzt-Newcomerin, treiben mich Verlustängste um. Nachdenklich mit Kostenvoranschlag im Gehirn, verlasse ich die Praxis.

4. September

Kurz vor dreizehn Uhr fahre ich bei der neuen Zahnarztpraxis vor. „So leid es mir tut, liebe Nachfolgerin meiner Zahnarzt-Newcomerin, ich mag nicht wieder als Versuchsobjekt fungieren, an dem du Bohren und Krönchen-Herstellen trainierst!“ Deshalb zog ich, ähnlich einer Privatdedektei, in den letzten Monaten Erkundigungen über Koryphäen im Zahnarzt-Metier ein. In der vergangenen Woche konsultierte ich, einem Tipp meiner Kollegin folgend, einen Zahnarzt in der Nähe von Kiel, der sicherlich fähig und kompetent ist aber meine Röntgenbilder voller Entsetzen anstarrte, traurig den Kopf wägte und in mir Parallelen zu einem Onkologen weckte, der seinem Patienten eine niederschmetternde Nachricht übermittelt. Noch Stunden später fühlte ich mich wie eine Obdachlose mit verfaulten Zähnen. Heute nun will ich einen letzten Versuch starten und erflehe innerlich, dass dieser Arzt Hoffnung für meinen Zahn-Steinbruch verbreitet. Eine Viertelstunde später nehme ich
auf dem Zahnarztstuhl Platz und entdecke über mir doch tatsächlich „Onehundredelephantsandonemouse“! Wenn das kein Zeichen ist! Diese Plakate waren mir in den letzten drei Jahren wertvolle Begleiter und Ablenkungshilfen in der Praxis meiner Zahnarzt-Newcomerin. Ich atme auf, als mir der nette, grauhaarige Zahnarzt in das Behandlungszimmer folgt und mich, fast gütig, anschaut. Aus seinem Mund klingt die Diagnose weitaus positiver und die Arbeit seiner Vorgänger wird gewürdigt, dennoch liegt ein längerer Weg vor mir. Mit gestrafften Schultern und mich wieder als Mitglied der Spezies Mensch fühlend, verlasse ich die Arztpraxis.

Fotoquelle: lekoh