Zum Hauptinhalt springen

Spielenachmittag und Trümmertorte

Es klingelt Sturm an der Haustür! „Moment, komme gleich!“ rufe ich dem ungeduldigen Rentner-Trio vom Wohnzimmer aus zu. Sekunden später reiße ich die Wohnungstür mit einem Hauruck auf und stehe der braunhaarigen Mittachtzigerin Christa gegenüber, die in der einen Hand ihren Gehstock und in der anderen eine tragbare Kuchenform hält.

Sie drängt sich an der frisch frisierten Ilse 2 und der mit einem Beutel ausgestatteten Ilse 1 vorbei und ruft aufgedreht: „Na, wer will Trümmertorte?“ Ilse 1, meine 96 jährige Ex-Nachbarin, lässt mich in ihren Beutel hinein lunzeln, indem sich ein mit Frischhaltefolie abgedecktes Glasschälchen mit frisch geschlagener Sahne befindet.

Im Vorfeld für diesen kurzfristig geplanten Spielenachmittag meinte ich: „Ich will es gar nicht so kompliziert machen. Ich habe keinen Kuchen aber Kaffee und Plätzchen zu Hause und dann können wir spielen!“ Ilse1 stammt einer anderen Generation an, die niemals den Frevel begehen würde, einen Kaffee- und Spielenachmittag ohne gebührendes kulinarisches Rahmenprogramm durchzuführen und fegte meine lieblose Planung gnadenlos beiseite: „Christa bringt bestimmt Kuchen mit und ich Schlagsahne! Ich telefoniere gleich mit ihr!“ Diese Ansage duldete keinen Widerspruch!

Heute nun plaudern und gackern die drei Damen wie Teenager auf dem Schulhof. Christa erläutert, was es mit der sogenannten Trümmertorte auf sich hat: „Die Kuchenform mit dem noch warmen Kuchen ist mir in der Garage heruntergefallen. Nun ist es eine Trümmertorte! Wenn ihr sie nicht wollt, esse ich sie!“ Solange der Kuchen MIT Form heruntergefallen ist und nicht auf dem bloßen Fußboden zusammen geklaubt wurde, ist mir alles egal. Mit einer Schnelligkeit, die das Alter der Seniorinnen Lügen straft, nehmen sie auf ihren gewohnten Plätzen ihre Stellung ein und erzählen ohne Punkt und Komma.                                                                                                                                                               

Ilse2, heute mit kerzengeradem Pony, der ihr spitzbübisches Wesen hervorragend zur Geltung bringt, sitzt zu meiner Linken. Sie ärgert sich über eine Fliegenplage bei sich zu Hause. Ilse 1, ihre langjährige Nachbarin und Freundin triumphiert: “Ich habe überall Fliegengitter. Bei mir schwirrt keine einzige Fliege herum. Ich glaube, du sparst am falschen Ende!“ Ein Einwurf, den Ilse 2 geflissentlich überhört. In mich hinein lächelnd verfolge ich interessiert ihren Austausch und erfahre die neuesten Bünsdorf-News. Die betagten Mädels langen kräftig zu, bemerke ich erfreut und denke: „Was sind wir doch für ein illustres Quartett!“

Später tauschen wir Kaffeetassen gegen Skyjo-Spielkarten ein, ein Spiel, das definitiv süchtig macht und die Augen der Rentnerinnen zum Leuchten bringt. Ilse 2 befindet sich unverhofft auf der Überholspur und Ilschen1, die Älteste von uns allen, spielt riskant, stets mit vollem Einsatz. Zurückhaltung und strategisches Agieren sind ihr fremd. Ich versuche sanft, sie zu vorsichtigerem Handeln zu animieren. Vergeblich! „Ilse, du dürftest nicht in den Spielhallen von Las Vegas spielen. Du würdest Hab und Gut verzocken!“ Verschmitzt lächelt sie zu mir hinüber und erklärt mir ihre Lebens-Philosophie: „Immer vorsichtig zu sein, ist doch langweilig !“ Diese Worte aus dem Mund einer 96jährigen stimmen mich etwas melancholisch, auch wenn ich im ersten Moment über ihren Übermut lache. In Gedanken sehe ich die blond bezopfte Ilse auf einem alten Schwarz-Weiß-Gruppenfoto und erinnere mich, wie sie mir erzählte, dass sie statt Hausaufgaben zu erledigen, ihr neuestes Buch auf dem Schoß liegen hatte und vor ihrer strengen Mutter versteckte. Ich denke an ihre innere Rebellion, als sie in einem Landjugendheim der Nationalsozialisten nicht immer nur langweilige Prinzessinnen darstellen wollte, für die ihr „arisches Aussehen“ prädestiniert zu sein schien. Stattdessen sehnte sie sich danach, in der damaligen Theatergruppe blutrünstige und zwielichtige Gestalten zu verkörpern, was ihr jedoch nicht gestattet wurde.

Hier saß sie nun, viele Jahrzehnte später, weise, lebensfroh und aufmüpfig wie eh und je. Ist es nicht wirklich so, wie Susanne Abel, die Autorin des Romans „Stay Away From Gretchen“ einst sagte:

„Die Alten sind nicht weniger individuell, nicht weniger verrückt, nicht weniger leidenschaftlich. Auch sie haben leidenschaftlich geliebt verzweifelt geliebt, waren leichtsinnig oder verwegen, sahen wahnsinnig gut aus, haben Kopf und Kragen riskiert. Sind 8, 18 und 80 gleichzeitig. In ihnen schlummert nach wie vor der Kern. Er ist alterslos, egal wie verwelkt der Körper ist. Man kann das Blitzen in den Augen sehen, wenn man genau hinschaut.“

Ich sehe verstohlen in die Gesichter meiner drei Besucherinnen, betrachte Christas markante Wangenknochen, die großen Augen Ilse 2’s und Ilschens warmherziges Lächeln, das sich tief in ihren Falten eingegraben hat. Nochmals schwirren mir Susanne Abels Worte im Kopf herum. Dass diese drei Frauen einst leichtsinnig und schön waren, fällt mir in diesem Moment nicht schwer zu glauben.

Und plötzlich erkenne ich es, zuerst fast unbemerkt, verhalten, doch dann überdeutlich- das verwegene Blitzen in den Augen meiner drei betagten Freundinnen.  

Fotoquelle: lolame