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43 Jahre, 15695 Tage

Kevins Ohren rauschten und der Bildschirm verschwand vor seinen Augen. Eben noch hatte er mit den anderen Insassen die Daily-Soap gesehen, eine vorhersehbare, langweilige Sendung, die dennoch zum Höhepunkt jeden Tages befördert wurde, da ein Tag im Gefängnis dem anderen glich. Nie geschah etwas Außergewöhnliches, das einen Tag heraushob und von den anderen unterschied- bis auf heute.

Noch immer schrie und jubelte es um ihn herum: „Kevin! Kevin! Kevin! Kevin!“ Er las den wiederkehrenden Textstreifen: „Kevin S. wird nach 43 Jahren aus dem Gefängnis in Missouri entlassen, da seine Unschuld bewiesen wurde. Kevin S. gehört zu den Personen, die am längsten unschuldig in Haft saßen.“ Jedes Mal, wenn die Textzeile nach einigen anderen Meldungen des Tages erschien, johlte es erneut um ihn herum, schwoll der Jubel an, bis Kevin schließlich in seinem Rollstuhl herumgewirbelt und von seinen Leidensgefährten wie ein Held gefeiert wurde. Dabei empfand er sich alles andere als ein Held. Helden retteten Menschen, stachen hervor aus der breiten Masse und taten etwas Außergewöhnliches. Als Held saß man nicht 43 Jahre seines Lebens hinter Gittern und schaute Sinn leere Daily Soaps. Ganz allmählich sickerte die Nachricht des Tages in sein Bewusstsein. Ihm wurde ganz schwindlig bei dem Gedanken daran, seine Freiheit wiederzugewinnen, abends auf einer Terrasse den Tag ausklingen zu lassen, das Zirpen der Grillen in Natura zu hören und vor allem, seine 85jährige Mama in die Arme schließen zu können. Vor 43 Jahren wurde er von einer fast ausschließlich weißen Jury wegen dreifachen Mordes hinter Gitter gebracht, trotz Alibi und der Aussage der vermeintlichen Mittäter, dass er nicht dabei gewesen wäre. In den letzten vierzig Jahren gingen unzählige Briefe aus dem Gefängnis heraus, Briefe an Gremien, Richter und den Gouverneur, verzweifelte Appelle, seinen Fall zu untersuchen. Kevin konnte sich nicht daran erinnern, wie viele Ablehnungen er in den Händen gehalten hatte, wie oft ihn die Hoffnungslosigkeit in einen Abgrund ziehen wollte. Wenn seine Familie nicht gewesen wäre, hätte er aufgegeben, spätestens nach seinem Herzinfarkt vor wenigen Jahren. Ohne es verhindern zu können, flossen Tränen aus seinen Augenwinkeln. Schnell fuhr er mit der Hand über sein Gesicht, denn er wollte nicht vor den anderen weinen. Er versuchte, sich gegen den Tränenstrom zu wehren, doch die Tränen liefen, ohne dass er etwas dagegen tun konnte, so als würde die Trauer und Verzweiflung der letzten vierzig Jahre aus ihm herausfließen. Alles war unwirklich, wie in einem Traum. Es schien, als beobachtete er sich aus der Ferne, als wäre sein Körper losgelöst von seiner Seele.

Dreiundvierzig lange Jahre hatte er sich diesen Moment wieder und wieder in seinen Träumen vorgestellt, jedes Detail ausgemalt, Nacht für Nacht, Tag für Tag. Seit dem verhängnisvollen Sommer 1979 war er geradezu davon besessen, sich diesem Traum hinzugeben. Doch irgendwann hatte er plötzlich aufgehört zu hoffen, dass es diesen Moment wirklich eines fernen Tages geben würde. Er kapitulierte und spürte, wie die Resignation sich wie eine dunkle Lavamasse in seinem Körper und später in seiner Seele ausbreitete. Immer und immer wieder hatte er sich in zahllosen Gedanken-Endlos-Schleifen gefragt, was er denn verbrochen hatte, außer schwarz und zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Bei seiner Festnahme hätte er fast laut gelacht. "Er und drei Menschen töten?" Für wenige Minuten dachte er an sein sechsjähriges Ich zurück. Damals hatte sein kleiner Bruder neben ihm geschlafen und sich mit weit aufgerissenen Augen in ihrem gemeinsamen Bett aufgerichtet, als die kleinen Beine einer Spinne über die Bettdecke spazierten und sie schließlich wie eine Akrobatin hinauf zur Lampe balancierte. Behutsam hatte er sein Schulheft gegriffen, es unter die filigranen Beine der Spinne geschoben und sie nach draußen in den Garten befördert. Die Verandatür mit der einen Hand öffnend und der anderen das Schulheft mit der Spinne haltend, jede abrupte Bewegung vermeidend, war er barfuß über den noch warmen Holzboden geschlichen, während sein Bruder die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, aufrecht im Bett saß und auf seine Rückkehr wartete. Dieser Junge, der nicht einmal einem Insekt etwas zuleide tun konnte, sollte drei lebendige Menschen getötet haben? Lachhaft und doch hatten sie ihn hinter Schloss und Riegel gebracht, allein wegen ihrer Aussage, der Aussage einer traumatisierten weißen Frau, für die ein schwarzes Gesicht dem anderen glich. Kurz darauf gab sie ihren Irrtum zu und dennoch hielten sie ihn unter Verschluss, stahl die Justiz ihm 43 Jahre seines Lebens. Was sollte er nun anfangen mit diesem Leben, mit der Zeit, die ihm blieb?

Wochen später verließ er mit großer medialer Aufmerksamkeit das Gefängnis und kaufte sich in einem Fast-Food-Restaurant sein erstes Eis in Freiheit. Das Warten auf den Tag der Entlassung hatte einem Wettlauf mit der Zeit geglichen, seine Mutter ein letztes Mal in die Arme schließen zu können. Doch Gottes Mühlen mahlten langsam und so wurde er erst kurz nach ihrem Tod aus der Haft entlassen, obwohl seine Unschuld längst bewiesen war.

Epilog

Kevin stand an dem noch frischen Grab seiner im August verstorbenen Mutter und fühlte unendliche Trauer und Verzweiflung in sich aufsteigen. Tränen strömten aus seinen Augen und sein Herz war schwer. Er hatte das Wiedersehen mit ihr um wenige Wochen verpasst. Die hoffnungslose Sehnsucht nach einer mütterlichen Umarmung schmerzte ihn fast körperlich. Dennoch spürte er hier ihre Gegenwart, war er überzeugt davon, dass sie ihn fühlen und hören konnte und so redete er mit ihr, schüttete all seine Trauer und Wut vor ihr aus. Dieses riesige Fragezeichen hinter seinen 43 Jahren Gefängnis würde wahrscheinlich nie verschwinden und dennoch fühlte er sich in diesem Moment etwas leichter, hoffnungsvoller, getröstet. Nein, er würde nicht in Selbstmitleid ertrinken oder sich von Verbitterung überwältigen lassen, obwohl die Aussicht darauf ihn verführerisch anzog. Seine Mama hatte in all den Jahren niemals aufgegeben, hatte für ihn mit gehofft, als er nur noch Dunkelheit in sich spürte. Er war es ihr schuldig, die Zeit, die ihm blieb, so gut es ging zu nutzen. Es würde ihm einiges abverlangen, sich dem Leben zu stellen.

Als er den Friedhof verließ, strich ein Windhauch über sein Gesicht und empfand er nach Jahren der Trostlosigkeit ein Quäntchen Mut und eine längst vergessene Entschlossenheit in sich. Plötzlich beschleunigte sich sein Herzschlag, stockte ihm der Atem und traf ihn die Erkenntnis, die ihn bis tief in sein Innerstes erschütterte: “Ich bin frei, ich bin tatsächlich frei!”