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What Was I Made For

Ich hantiere in der winzigen Stationsküche als mich eine Krankenpflege-Schülerin fragt: „Sag mal, wolltest du schon immer Krankenschwester werden?“ Vor mich hin räumend antwortete ich: „Nein, eigentlich wollte ich immer Lehrerin werden oder Fremdsprachen studieren!“ 

Verblüfft schaut sie mich an: „Na, das ist ja jetzt mal voll krass was anderes!“ ‚Stimmt!‘, geht es mir durch den Kopf. Was wäre wohl gewesen, wenn ….? Für einen Moment verliere ich mich in einer Erinnerung und sehe mich als Siebenjährige in einer blauen Hose vor einer Kindertafel stehen. Die Kreide quietscht, während ich den rechten Zeigefinger, wie meine Klassenlehrerin anwinkle. Die Hose schlackert trotz gestreifter Hosenträger um meinen mageren Körper herum und ein Haargummi aus dem legendären „Russenmagazin“ bindet meine durch einen Mittelscheitel geteilten lockigen Haare, während ich streng auf meine Puppenklasse blicke. Eine weitere Erinnerung steigt in mir auf. 

Ich bin 16 Jahre, stehe gemeinsam mit meinen Eltern in unserem Naundorfer Wohnzimmer. Wir diskutieren, ob ich meinen kostbaren Platz an der Erweiterten Oberschule Herzberg gegen die Ausbildung zur Krankenschwester am Paul-Gerhardt-Stift in Wittenberg eintausche. Tage später führt die legendäre Ev im „Stift“ das Bewerbungsgespräch und möchte wissen, warum ich Krankenschwester werden möchte und ziehe ich mir zeitgleich den Zorn des Bezirksschuldirektors zu. Wie konnte ich nur den heiß begehrten Platz für ein Abitur in den Wind schlagen? 

Wenn es um das Thema Bestimmung und Träume geht, führe ich gern den Film „Mr Hollands Opus“ ins Feld. Ein junger Musiker hegt große Pläne für sein Leben. Irgendwann möchte er ein gigantisches Opus komponieren, das Menschen berührt und ihm Ruhm und Anerkennung verschafft. Doch dann passiert das Leben. 

Mr. Holland heiratet die Frau, die er liebt und kurz darauf ihr erstes gemeinsames Kind erwartet. Aus einem finanziellen Engpass heraus bewirbt er sich als Musiklehrer in einer Schule und legt seine hohen Ambitionen vorerst auf Eis. Aus einem Jahr werden zwei und schließlich verbringt er sein gesamtes Berufsleben damit, musikalischen und weniger musisch begabten Jugendlichen die Liebe zur Musik zu vermitteln. Zusätzlich dazu muss er sich mit der Gehörlosigkeit seines Sohnes auseinandersetzen, die jahrelang ein Tabu-Thema für ihn ist. 

Zu seiner Verabschiedung hält die amtierende Gouverneurin, ebenfalls eine ehemalige Schülerin von Glen Holland, eine Rede. Sie weist auf das Publikum, in dem seine einstigen Schüler sitzen und sagt: „ Sehen Sie sich um, in diesem Raum sitzt kein Mensch, dessen Leben Sie nicht geprägt haben. Wir sind Ihre Symphonie, wir sind die Melodie und die Noten Ihres Opus. Wir zusammen sind die Musik Ihres Lebens.“ Als der Vorhang sich hebt und SEINE ehemaligen Schüler SEIN Opus vortragen, versteht man als Zuschauer, dass Mr Hollands Traum, anders als geplant und erhofft, dennoch Wirklichkeit geworden ist. 

Jedes Mal, wenn ich diese Szene verinnerliche, jegliche amerikanische Tränendrüsendrückerei abgestrichen, denke ich: „Wow!“ 

Vor wenigen Wochen verfolgte ich eine Dokumentation über zwei Frauen, die im Deutschen Fernsehen als Comedian arbeiten. Die ältere der beiden, Cornelia Stratmann, behauptet von sich: „Ich bin kein Comedian geworden, ich war es schon immer. Wenn ich ein Friseur geworden wäre, dann ein komödiantischer. 

Es gibt tausende, sicherlich millionenfache Beispiele dafür, dass unser Dasein hier auf der Erde einen bestimmten Zweck erfüllt. Menschen, deren Kindheit- und Lebensumstände gepaart mit speziellen Begabungen irgendwann unverhofft einen Sinn ergeben, wie zum Beispiel Oskar Schindler, der in seinem ganzen Leben nur zur Zeit des Dritten Reiches Erfolg hatte. Weder davor noch danach besaß er ein glückliches Händchen bei seinen Geschäften. Doch während des Krieges wuchs er über sich hinaus und rettete mit seiner berühmten Liste 1100 Juden das Leben. 

Gemessen daran erscheint mir manchmal mein Leben trivial. 

Susanne, eine liebe Bekannte und Best-Age-Model, kämpft seit Jahren einen erbitterten Kampf gegen das Schreckgespenst Brustkrebs und wusch mir in einer meiner Selbstmitleidsphasen, die vielleicht dem ein oder anderen vertraut sind, den Kopf und stellte mir genau diese Frage: „Wann ist ein Leben für dich wertvoll?“ und beantwortete sich die Frage selbst: „Vielleicht ist unser Leben viel weniger spektakulär als wir denken. Für mich ist ein Tag zum Beispiel wertvoll, wenn ich gelacht habe, ich mit meinen Lieben zusammen sein konnte.“ 

Viktor Frankl, der berühmte Neurologe und Psychiater sagte einst zu dieser Thematik: 

„Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person, für die das Leben nicht eine Aufgabe bereithielte.“ Diese Weisheit ermutigt mich und spornt mich an, nach meinem kleinen Quäntchen in meinem Umfeld Ausschau zu halten . 

Ebenso gehen mir Susannes Worte nach und wecken in mir Demut und Dankbarkeit. Dennoch scheint es mir, als darf gerade Susanne momentan ihre Spät-Berufung als Best-Age-Model leben. Unerschrocken und selbstbewusst stellt sie sich dem Krebs entgegen, läuft auf dem berühmten Fashion-Week-Laufsteg mit kahl rasiertem Kopf, erzählt in Interviews, von ihrer großen Leidenschaft, dem Modeln und was ihrem Leben Halt gibt und ist so schon längst zur Hoffnungsperson avanciert. 

Manchmal verläuft ein Leben eben doch spektakulär, liebe Susanne! 

 

Fotoquelle: Carsten Böttinger