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Martha

Martha sitzt mit frisch gewaschenen Haaren auf der Bettkante und betrachtet argwöhnisch das unpanierte Hähnchenschnitzel vor sich und kommentiert: "Das hat etwas wenig Sonne abbekommen." Ihre Nachbarin, eine nette Mittachtzigerin, kichert über Marthas Statement und staunt zum wiederholten Mal über die Coolness der 101-jährigen Frischoperierten. Martha ist ein Phänomen, eine zähe alte Dame mit wachem Blick und einem von grauen Haarwellen umrahmten Gesicht. Bis zum heutigen Tag lebt sie ohne Pflegedienst, Pflegegrad oder Unterstützung in ihrer eigenen Häuslichkeit.

Zwei Tage nach ihrer geplanten Hüft-Operation nimmt sie bereits heißhungrig ihr Frühstück mit baumelnden Beinen an der Bettkante ein. Als ich sie nach der Intensität ihrer Schmerzen und der Übelkeit des vergangenen Tages frage, überrascht sie mich erneut: "Mir geht's besser aber wenn ich an Putin, Trump und Erdogan denke, dann wird mir übel.“

Im Nachbarbett wird geprustet und auch ich verkneife mir ein Lachen. Diese Frau ist nicht zu toppen! In den letzten Jahren betrieb ich mehrfach meine Recherchen und beobachtete, wie das Interesse an dem Weltgeschehen mit zunehmendem Alter stetig nachließ und sich nicht nur der Bewegungsradius verkleinerte. Marthas Gehör ist nicht mehr das beste aber ansonsten ist sie geistig und körperlich auf der Höhe.

Eine Woche nach der Operation wird sie auf die geriatrische Seite meiner Station verlegt. Ab jetzt sehe ich sie täglich mit gelbem Stirnband, wie eine Aerobic- Sportlerin aus den Achtzigern an ihrem Rollator zum Tagesraum laufen. Als ich sie frage, ob sie jemals verheiratet gewesen sei, schweift ihr Blick gedankenverloren in die Ferne und vertraut mir an: „Ich habe immer die falschen Männer geliebt!“

Stattdessen bereiste sie mit einer Wandergruppe Cornwall und andere reizvolle Orte dieser Welt. Mit Achtzig Jahren wechselte sie dann kurzentschlossen in die Kunstgruppe der Volkshochschule und pilgerte mit dieser von einer deutschen Ausstellung zur nächsten. Bedauernd meint sie: „Ich hätte mir so gern die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Hamburg angesehen, die gerade läuft!“ Zwischen Tür und Angel streifen wir die Themen zweiter Weltkrieg und explizit die Verfolgung der Juden. „Wissen Sie Schwester Anja, ich war damals 15 Jahre und habe schon einiges mitbekommen. Bei uns im Haus lebte eine jüdische Familie. Bei denen war ich Mal zum Essen eingeladen. Dort gab es doch tatsächlich Tomaten mit Zucker. Daran erinnere ich mich! Wir essen doch alle eher Tomaten mit Salz und Pfeffer, stimmt’s? In der Schule verschwanden plötzlich ein paar Kinder. Nur hinter vorgehaltener Hand wurde darüber getuschelt.“

Zu gern würde ich mich an ihr Bett setzen und diese Erinnerungen vertiefen. Doch der nächste Patient klingelt und fordert meine Aufmerksamkeit.

Langsam neigen sich Marthas Tage auf meiner Station dem Ende entgegen. Wann immer ich sie mit ihrem gelben Stirnband über Station laufen sehe, muss ich lächeln und frage mich nach dem Geheimnis ihrer ungebrochenen Lebensfreude. In Gedanken höre ich ein paar Jugendliche, die sich mit: „Ej Alter, was geht ab?“ unterhalten und im Gegenzug Martha, die mit Rollator, Aerobicband und ihren knapp 1,50 Meter vor dem Krankenhaus-Tresen steht und höflich fragt: „Dürfte ich einen Apfel erwerben?“ Ich denke an einen Morgen, als sie ihre Stoppersocken von Station im Waschbecken wusch - ein nachhaltiges Verhalten, das die nachkommenden Generationen mühsam erlernen müssen und wie sie spitzbübisch halb bekleidet an ihrer ebenfalls dürftig angezogenen Nachbarin vorbei lief und meinte: „Die zwei Nackten von Flensburg!“

Vor kurzem las ich das Buch „Altern“ von Elke Heidenreich, die sich in ihrem Essay ausführlich mit dieser Thematik auseinander setzt: „ Ich muss nicht die liebe alte Oma werden, die niemandem zur Last fällt. Ich kann so spöttisch und störrisch und kämpferisch sein wie ich es mein Leben lang war, solange ich Lust und Kraft dazu habe. Michelangelo schuf mit 89 genauso ergreifende Werke wie mit 25. Verdrießt mich das Alter? Aber nein ! Es beschenkt mich mit so vielen Möglichkeiten. Ich nehme teil an dieser Welt, so lange ich bin.“

In einer Zeit, in der Frauen ihre Falten mit Botox weg- und ihre Lippen auf spritzen, über das Alter jammern, es leugnen und bekämpfen, beherzigt Martha all das und wirkt dankbar für jeden verbleibenden Tage und neugierig, regelrecht gespannt, welche Überraschungen das Leben noch für sie bereit hält - selbst mit 101 Lebensjahren.