Ingrid und Josef
Ingrid liegt mit offenen Augen in ihrem Pflegebett. Aus ihrem Mund kommen nur lallende Laute und dennoch versteht sie anscheinend jedes meiner Worte. Ich pflege sie im Bett, setze sie später mit Anwendung kinästhetischen Wissens an die Bettkante und transferiere sie mit einer Kollegin auf den Rollstuhl, in dem sie den gesamten Vormittag sitzen bleibt und von dem aus sie fern sieht. Am späten Vormittag betrete ich das Zimmer erneut und entdecke einen älteren schlanken Herren mit grauen Haaren und Schnauzer.
Er steht neben Ingrid und hält ihre Hand. Sein Akzent erinnert mich an den schleppenden Slang des Ruhrpotts, eine Vermutung, die sich in unserem Gespräch bestätigt. Ich frage ihn, wie lange er und Ingrid verheiratet sind. Zärtlich spricht er die Rollstuhlfahrerin an: „Liebste, wie lange sind wir verheiratet? Stimmt’s, gestern waren es 59 Jahre?“
Ingrid gibt ein paar unverständliche Worte von sich, die dennoch als Zustimmung zu verstehen sind. Nach zirka zwei Stunden verabschiedet sich Ingrids Mann: „Bis nachher, mein Schatz!“
In den darauf folgenden Tagen erfolgt dasselbe Prozedere. Nach dem Ingrid im Rollstuhl sitzt, besucht sie ihr Mann Josef. Eine Mitarbeiterin erzählt mir auf Nachfrage: „Herr Bayer schenkt jedes Jahr zum Hochzeitstag für jedes Ehejahr eine Rose.“ „Außer in diesem Jahr!“, bemerke ich. In einer Vase, neben dem Fernseher, steht eine einzelne rote Rose. An ihr baumelt ein Zettel mit der Aufschrift: „Eine Rose und 58 im Sinn, 59. Hochzeitstag!“
Mein Blick schweift zu der Wand neben ihrem Bett, an der eingerahmt Schwarz-Weiß-Fotos hängen: Ingrid und Josef an ihrem Hochzeitstag. Ingrids große eindrucksvolle Augen sind nach wie vor dieselben. Hoffnungsvoll und glücklich lächelt das junge Paar in die Kamera. Mein Blick wandert weiter nach rechts, auf dem Ingrid als junge Ehefrau mit dem modernen Kurzhaarschnitt der 60iger Jahre zu sehen ist. Ein anderes Bild zeigt die beiden in reiferen Jahren bei einer Feierlichkeit und auf ihrem Nachtschrank lächeln zwei Männer in die Kamera, ihr Sohn Matthias mit Enkelsohn Christoph.
Ein ganzes Menschenleben zusammengefasst in einer Bildergalerie. Auch wenn Ingrids Gelenke durch Parkinson inzwischen steif geworden sind und schmerzen, auch wenn ihre Sprache verwaschen klingt und nur wenige Laute über ihre Lippen kommen, spüre ich in diesem Zimmer die Liebe, die sie umgibt in den Blicken ihres Mannes, in der Hand, die ihre hält, auf dem Zettel an der Rose und in den Worten: „Bis nachher, Liebste.“ Wenn irgendjemand in diesem Moment behaupten würde, dass wahre Liebe nicht existiert, müsste er hier in diesem kleinen Zimmer der Pflegeeinrichtung seine Meinung gründlich revidieren. Als ich Ingrid für ihre Mittagsruhe erneut ins Bett befördere, frage ich sie: „Frau Beyer, wie heißt ihr Mann?“ und halte mein Ohr ganz nahe an ihren Mund. Anfänglich klingt es eher nach einem Krächzen. Ich spüre, dass sie all ihre Kraft und
Konzentration für die Beantwortung dieser Frage mobilisiert. Doch dann höre ich es klar und deutlich: „Josef!“