Nicht ganz Frau meiner Sinne biete ich eine Bla-Bla-Fahrt von Hamburg nach Köln an und erlebe drei Stunden später eine Begegnung der anderen Art. Fröhlich winkend radelt mir vom Hinterausgang des Hamburger Hauptbahnhofs der junge Sven mit Mundschutz entgegen, der artig sein Fahrrad kopfüber in den Rumpf unseres Busses stellt, seine kleine Fitnesstasche von seiner Schulter schwingt und vor der Abfahrt fragt: "Ej, kann ich noch eine rauchen?" Gnädig gewähre ich ihm diese Gunst, bitte ihn jedoch, vor der Nikotin-Inhalation die Tür zu schließen.
Eilig nimmt er ein paar Züge und schiebt anschließend einen Kaugummi in den Mund, um mich nicht mit lästigem Zigarettengeruch zu stören. Kurz bevor er einsteigt, schnuppert er an seiner Kleidung und sprüht sich kurzentschlossen von oben bis unten mit Deodorant ein, da es ihm wichtig sei, angenehme Düfte zu verströmen, so sagt er grinsend mit Blick zu mir. Leicht irritiert beobachte ich ihn bei dieser Tätigkeit. Eine letzte Frage schießt mir gerade noch rechtzeitig durch den Kopf: "Vielleicht solltest du lieber hinten sitzen wegen Corona?!" Als Antwort höre ich mit einem gewissen Kleinjungen-Charme: "Musst du wissen aber ich schwööre, ich habe kein Corona!", was mich unwillkürlich an Chantal aus "Fack ju Göte" erinnert.
Gern will ich ihm glauben, weil alles andere zu kompliziert wäre und erlaube ihm großmütig, neben mir Platz zu nehmen. Während ich die erste Kurve zum Glockengießerwall nehme, berichtet Sven stolz, dass er bei seiner Rückkehr einen Job bei seinem Kumpel in einer Pizzeria erhält. Er sagt: "Ej, isch habe eine ganz große Stärke!" Neugierig schiele ich zu ihm hinüber und fädele mich durch Hamburgs Straßennetz, als er im schönsten Rapper-Straßen-Slang meint: "Isch bin total ehrlisch und das wissen meine Kumpels, dass die sich auf mich verlassen können." Ich werfe erneut einen Blick zu meinem Nachbarn, der mir durch seine Lebensphilosophie neue Horizonte eröffnet. Munter plaudert er aus dem Nähkästchen: "Isch habe fünf große Träume für mein Leben!" Beilaufig frage ich, wie erhofft von ihm: "Okay, welche sind das?" Er schöpft tief Luft und zählt auf: "Das wichtigste ist, isch will gesund und stark sein. Das zweite, isch will eine eigene Familie haben aber das iss nich so leicht, die Mädchen sind oft so unruhig, wollen mal hierhin und dorthin. So eine brauch isch nich. Ich muss mir schon sicher sein, da lasse ich mir Zeit, vielleicht einen Monat oder vielleicht sogar ein Jahr. Das soll ja für immer halten." Nach einer kleinen Pause fügt er: "Eine iss ja verliebt in mich aber ich bin nicht so sicher.", hinzu. Vorsichtig werfe ich ein: "Es reicht ja nicht, wenn nur sie in dich verliebt ist!" Mit ernstem Gesicht nickt er zustimmend und plaudert weiter. "Außerdem will ich einen Hund, einen Puttbill, ein schönes Auto und einen guten Job!"
Irgendwie fühle ich mich wie Gunther Wallraff bei seinen Recherchen, nur dass ich durch eine Laune des Schicksals im Rapper-Milieu gelandet bin. Sven trägt kurze, blonde Haare mit Spitzbart, Jeans, die um seinen mageren Körper schlackern und ein T-Shirt. In seinen Ohren stecken Kopfhörer, durch die Sido lautstark bis zu meinem Lenkrad rappt. "Seltsam!", geht es mir durch den Kopf, "Sven sieht eindeutig wie ein Deutscher aus, spricht jedoch, bei näherem Hinhören wie ein Mitglied einer türkischen Großfamilie." Sven lässt nicht locker und will es wissen: "Ej, was hältsten du von meinen 5 Träumen?"
Ich setze zur Antwort an, kann dies jedoch umgehen, da mich Sven weiterhin an seinen Gedanken teilhaben lässt: "Den ersten Traum habe ich ja schon erfüllt. Isch bin stark und gesund. Du, ehrlisch, ich glaub, wenn ich meine 5 Träume erfüllt habe, bin isch richtig glücklich. Mehr brauche ich nich."
Sven hängt lässig schräg in seinem Sitz, kramt aus seinem Plastikbeutel eines Billigdiscounters zuerst eine riesige Wasserflasche und später seine Bluetooth-Box aus . "Ej, kann ich die mal anschließen, die Kopfhörer tun langsam weh!" Bevor ich leicht verhalten meine Zustimmung gebe, platziert er bereits die Box vorn rechts, hinter der Frontscheibe und wummern Bässe, sowie Sidos Sprechgesänge durch den Bus. Erschrocken zucke ich zusammen, worauf Sven, ganz Gentleman, die Lautstärke etwas drosselt. Allmählich gewöhne ich mich an Svens Musik, die entgegen meiner Vorurteile manch tiefsinnige Textzeile beinhaltet. Sven kaut mir, verbal gesehen, ein Ohr ab. Es scheint, als hätte er nur auf diese Chance gewartet, jemandem seine tiefgründigen Erkenntnisse weiterzu geben, ähnlich den australischen Ureinwohnern, die ihr Wissen mündlich von Generation zu Generation überliefern. "Isch bin immer gut gelaunt. Isch lasse nich zu, dass mich jemand runterzieht. Außerdem glaube isch an Gott aber immer wenn ich andere davon überzeugen will, geht das schief." Als ich mich oute, auch an Gott zu glauben, grinst er mich fröhlich, fast verschwörerisch an: "Isch fahre heute das erste Mal mit Blabla. Iss ja cool. Da trifft man Leute, die man wahrscheinlich nich wieder sieht!" "Sag das nicht, man weiß ja nie...!", werfe ich ein. Sven hüpft gedanklich von A nach B und dann zu X. "Isch habe ganz viele Ausländer als Freunde, Türken ("Aha!, daher der Rapperslang!") und Afrikaner. Wie findest du Rassisten? Isch hasse Rassisten. Die sind dumm. Früher hab isch auch mal Witze über Schwarze gemacht. Dann hab ich aber 'nen schwarzen Kumpel kennengelernt und, ej, jetzt kann isch das nich mehr!"
Zwischendurch berichte ich von dem heutigen Umzug meines Sohnes und sogleich hängt Sven seinen eigenen Erfahrungen nach: "Mit einer Wohnung ist das schwierig bei mir." "Wieso, frage ich interessiert?" "Wegen meines Schufa-Eintrages!" Das verwirrt mich nun doch. Erzählte er mir nicht drei Stunden zuvor, dass Ehrlichkeit seine größte Stärke sei?" Ich gebe zu bedenken, dass Ehrlichkeit auch Verlässlichkeit in der Mietzahlung beinhaltet, was Sven reumütig bestätigt.
Wir reden von seiner Schulzeit, von der er rückblickend behauptet: "Isch war überall gut, außer in Mathe!", von Musik: "Ej, isch hab mal 'nen Opernsänger gehört. Der war voll krass. Ich musste sogar weinen!", über die vier Temperamente: "Was issn das?" und seine Reiselust: "Isch kann die Leute nich verstehen, die nich mal rauswollen. Isch hab mal nen Spruch gehört, dass man nichts vermissen kann, was man nich kennt." Irgendwann setze ich Sven im Irgendwo des Ruhrpotts ab, beobachte ihn, wie er seine Sporttasche schräg über die Schulter hängt und seinen Plastikbeutel auf dem Fahrrad verstaut. Zum Abschied meint er grinsend, wie immer um Coolness bemüht: "Bis irgendwann. Vielleicht sieht man sich ja doch wieder!"
Als ich mich anschließend Richtung Autobahn begebe und für wenige Sekunden an der Ampel stehe, kann ich nicht anders und werfe einen neugierigen Blick in den Rückspiegel, wo Sven sich nur mit Mühe und Not auf sein voll beladenes Fahrrad schwingt. Ich konzentriere mich wieder auf den Straßenverkehr und bemerke kurz darauf, etwas ist anders. Es dauert wenige Sekunden, bis ich verinnerliche, dass Svens Plauderei und Dauer-Beschallung fehlen. Die plötzliche Stille im Bus ist ungewohnt und dennoch nach fünf Stunden Erholung pur. In meinem Kopf fliegen Svens Fragen und Antworten, hat sich sein Slang wie ein Tinnitus-Fiepen festgesetzt. Die Begegnung geht mir nach und mancher seiner Gedanken war für mich in seiner Schlichtheit eine ehrliche Offenbarung. Versonnen überlege ich, ob er eine männliche Reinkarnation der Titelheldin "Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna", sein könnte.
Als ich in der Zielgeraden einbiege und die fleißigen Umzugshelfer meines Sohnes sichte, spreche ich mit mir selbst und gebe in Gedanken Sven die Antwort auf seine Frage: "Deine fünf Träume sind richtig gut!"