Anja
Der ICE Nummer 699 nach München kommt zischend und ruckelnd am Berliner Hauptbahnhof zum Stehen. Die junge Chilenin, die sich in Berlin auf Wohnungssuche begeben möchte, um als Köchin mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit in der Hauptstadt Fuß zu fassen, verabschiedet sich winkend von mir. Ich wünsche ihr Glück für ihr Vorhaben, das sie sicher bei der momentanen Wohnungssituation in Berlin nötig haben wird.
Wenige Minuten später ist der Zug wie leer gefegt, nur um sich kurz darauf erneut zu füllen. Ein südländisch aussehendes Paar verteilt mehrere Papiertüten mit kulinarischen Köstlichkeiten auf den Ablageflächen über unseren Köpfen, wobei der Mann das Kommando führt. Immer mehr Menschen schieben sich und ihr Gepäck durch die Gänge, während der Zeiger auf der digitalen Uhr schon jetzt eine Verspätung von mehreren Minuten angibt. Eine kräftig gebaute junge Frau mit eng anliegenden Leggins, rabenschwarzen Haaren und Tattoos auf den nackten Armen, fährt einen hüfthohen Trolley vor sich her, gefolgt von Heerscharen aus Müttern und Kindern. Aus dem Decken-Lautsprecher erklingt die mahnende Aufforderung: "Wir haben eine sehr hohe Auslastung des Zuges. Bitte nehmen Sie Gepäckstücke von den nicht besetzten Plätzen, so dass jeder, wenn möglich, sitzen kann."
Um der Unruhe um mich herum zu entkommen, aktiviere ich meine Bluetooth-Kopfhörer und vertiefe mich in mein neues Hörbuch von Diana Gabaldon. Das Multi- Kulti-Stimmengewirr schwillt an, ebenso wie die Personenzahl in meinem Eisenbahnwaggon. Schicksalsergeben betätige ich nach wenigen Minuten die Pause-Taste, markiere das Kapitel und entferne schließlich die Kopfhörer. In unmittelbarer Nähe ruft ein junges Mädchen, deren Umrisse ich aus den Augenwinkeln wahrnehme, „vier“ auf Russisch und hält ihrer Familie vier Finger entgegen, um sie auf die Anzahl freier Sitzplätze hinzuweisen. Parallel dazu dröhnen erneut Anweisungen durch den Lautsprecher: „Bitte räumen Sie ihre Plätze leer, so dass jeder sitzen kann!“ Wachgerüttelt von einer unsichtbaren Schaffnerin, quetsche ich meinen Rucksack zwischen die Beine, um artig Platz zu schaffen. Der vor seinem Handy fläzende Herr, mir gegenüber, daddelt ungeniert weiter und macht es sich sichtlich bequem auf BEIDEN Sitzen. Neben unserem Vierertisch agiert stehend eine zirka achtunddreißig jährige Frau, indem sie sich suchend umschaut und ihren beiden Töchtern auf Russisch Sitze zuweist.
Bald darauf rutscht der Herr mir gegenüber geistesabwesend, ohne den Blick von seinem Handy zu lösen, an das Fenster und ein dunkelhaariges junges Mädchen nimmt diagonal von mir Platz. Aufrecht sitzend verfolgt sie mit wachsamen Augen jede Bewegung ihrer im Flur stehenden Mutter und hält das auf ihrem Schoß liegende Handy fest umklammert. Sie trägt einen grauen Jogginganzug und darüber einen schwarz gesteppten Wintermantel, während ihre geflochtenen Zöpfe über die Schulter fallen. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Wie oft hörte ich in den letzten Wochen von Flüchtlingen aus der Ukraine, vorrangig Mütter mit Kindern, deren Männer und Väter in der Ukraine bleiben, um ihr Land vor dem Angriff der Russen zu verteidigen. Einem inneren Drängen nach frage ich auf Englisch, ob sie aus der Ukraine kommen, was sie sofort bejaht und mit: „Südlich von Kiew.“ ergänzt. Ungewollt ziehe ich Luft durch die Nase und sehe vor meinem geistigen Auge Bilder, Fotos, Videos von zerbombten Stadtteilen, Schutt und Asche, einer zerstörten Kinderklinik und einer gebärenden Frau im Luftschutzbunker. Mein Mund wird trocken und ein Schauer läuft über meinen Rücken. Das, was niemand mehr für möglich gehalten hat in diesem modernen Zeitalter, ist grausame Wirklichkeit geworden. Der Ukraine-Krieg rückt in greifbare Nähe, denn die Ukrainer sind unsere Nachbarn und ihr Land befindet sich gerade einmal 1700 Kilometer von uns entfernt. Mich an meine gute Kinderstube erinnernd, stelle ich mich vor und sage: "Menja sawut Anja!" , was sie mit einem verschmitzten "Ja, tosche!" was so viel wie: "Ich auch!" beantwortet. Ein unsichtbares Band wird geknüpft und wir lächeln uns an. Es ist eine Sache, anonyme Berichte von Tod und Verwüstung im Fernsehen zu sehen und etwas völlig anderes, jemandem persönlich gegenüber zu treten.
Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, als ich in die dunklen Augen Anjas blicke, die mit ihren Zöpfen, dem schmalen Gesicht und ihrer schlaksigen, sich noch im Wachstum befindenden Figur, so sehr meinem Teenager-Ich gleicht. Mir ist, als säße ich einer früheren Version meiner selbst gegenüber. Wie wäre es mir in ihrer Situation ergangen? Ich musste mit fünfzehn Jahren zwar nicht aus einem Kriegsgebiet fliehen, lebte aber mit meiner Familie in einer Diktatur. Die damalige DDR war ein Land, in dem eigenes Denken und christlicher Glaube unerwünscht waren. Ein falsches Wort gesprochen zu den falschen Personen konnte für jeden von uns Repressalien nach sich ziehen. So lernte ich schon als Kind, in zwei Welten zu leben, verriet mir mein Instinkt, was ich in der Schule erzählen darf und was nicht. Staatskritiker wurden durch die allgegenwärtige Staatssicherheit überwacht oder in Hohenschönhausen weggesperrt. Ihre Kinder gab man in besonderen Fällen sogar zur Zwangsadoption frei. Dokumente dieser Geschichte sah sich meine Familie vor einigen Jahren im Berliner Mauer-Museum an. Tief bewegt verließen wir nach ein paar Stunden das Gebäude und schüttelten, als wir nach draußen traten, mühsam die Beklemmung ab.
Beim Anblick und Agieren Putins erwachen Erinnerungen in mir, an unser Leben in der DDR, Fahnenappelle und „sozialistische Erziehung“ durch Staatsbürgerkunde und Marxismus-Leninismus, an einen Freund, der bis heute unter der Inhaftierung in Hohenschönhausen leidet. Doch ebenso denke ich an Montagsdemonstrationen, die in den Kirchen ihren Anfang nahmen, sich wie ein Flächenbrand ausbreiteten und schließlich zu einer friedlichen Revolution führten. Wie sehr wünsche ich den Ukrainern und Russen ein Ende dieses Wahnsinns und Anja ihre Kindheit und Jugend zurück.
Ihre Mutter hat hinter ihr einen Sitzplatz gefunden. Mit rot geweinten Augen schaut sie in meine Richtung und unsere Blicke treffen sich für wenige Sekunden. Die tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die aus ihnen sprechen, erreichen meine Seele. Ich wende mich wieder Anja zu, die mir erzählt, dass sie bis Augsburg fahren, zu Bekannten und dass ihr Vater in der Ukraine für die Freiheit kämpft. Irgendwie läuft auf diesem Planeten einiges falsch. Teenager sollten sich mit Freunden treffen, herumalbern, von der Zukunft träumen und nicht vor Bomben fliehen und von ihren Familien getrennt werden.
Kurz darauf zeigt die digitale Info-Tafel im Zug an, dass ich aussteigen muss. Ich ziehe den Trolley von der Gepäckablage herunter, setze meinen Rucksack auf und sehe Anja ein letztes Mal an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und sage dann das einzige, was ich sagen kann und will: „God bless you, Anja!“ Im Vorübergehen streife ich die Jacke ihrer Mutter, gebe ihr unbeholfen einen Zettel mit meinen Kontaktdaten und verabschiede mich von ihr ebenfalls mit einem „God bless you!“
Als ich aussteige, von meinem Väterchen in die Arme geschlossen werde und zeitgleich der Zug langsam Fahrt aufnimmt, erhasche ich einen flüchtigen Blick auf Anja und ihre Mutter, die in die aufkommende Nacht gen Süden reisen.