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Bildquelle: Steffi Gaul

Alma

Alma liegt im Bett, die orangefarbene Decke über den alten, knochigen Körper gezogen, und blinzelt mich an: "Ich will noch nicht aufstehen und die Tabletten mag ich auch nicht!" 

Wieder einmal bin ich verblüfft, als sie ihre wachen, grauen Augen inmitten eines faltigen Gesichts, auf mich richtet. Augen, in denen sich die gebündelte Weisheit eines ganzen Menschenlebens und dennoch kindliche Unschuld widerspiegeln. Die Decke hüllt ihren uralten, sich in Embryonalstellung befindenen Leib wie ein Kokon ein und versucht vergeblich, die herausfließende Wärme zu konservieren. Alma friert immer, egal wie viele Decken auf ihr liegen, da jegliche Wärme wie bei einem verrosteten Kochtopf aus ihr weicht.

Sie verschließt demonstrativ die Augen und zurrt die Decke fester um ihr aschgraues Haar, so dass ich sie noch ein halbes Stündchen schlafen lasse. Etwas später spähe ich erneut unter ihre Decke und frage vorsichtig: "Willst du jetzt aufstehen und am Tisch essen?" Ein verschmitztes Lächeln breitet sich auf dem runzligen Gesicht aus. Sie gehört definitiv nicht zur Gattung der am Morgen jubilierenden Lerchen, sondern erwacht erst mit fortschreitender Tageszeit. Während sie sich aus der mehrfaltigen Schutzschicht schält, rechne ich im Stillen, was diese Hundertjährige erlebt haben könnte. In den legendären "Goldenen Zwanzigern", in denen Frauen provokativ Männerkleidung trugen, Charleston getanzt wurde und die ersten Stummfilme über die Leinwände flackerten, verlebte sie ihre Kindheit und als der zweite Weltkrieg ausbrach, reifte sie zur jungen Frau.

Eines abends läuft sie, in Begleitung der hübschen Praktikantin, am Rollator zur Toilette und meint bei ihrer tippelnden Rückkehr: "Damals, als ich noch sündigte, da tanzte ich Walzer und manchmal sogar Tango!", sagt's und wagt tatsächlich, sich am Rollator stabilisierend, ein paar walzerähnliche Tanzschritte. Alma lacht als sie einen beachtlichen Hüftschwung hinlegt: "Mit Humor geht alles besser!"

Andächtig staunend stehen die Praktikantin und ich vor diesem winzigen Energiebündel, dessen Orientierung nicht zu jeder Zeit adäquat funktioniert und die mich dennoch mit ihrer puren Lebensfreude ansteckt. "Mein Vater war Schwede und meine Mutter Ukrainerin und getroffen haben sie sich in Kiel!", philosophiert sie, fast triumphierend. "...und mein Vater hatte so viel Herz! Verstehen Sie, was ich meine?" Während sie in liebevollen Erinnerungen an ihren Papa schwelgt, richtet sie verträumt ihre Augen in die Ferne. "Ach, er war einfach...", diese Eigenschaft ihres Vaters untermalend, wirft sie ein Schmeißküsschen in die Lüfte und tuckert zu ihrem Lieblingsplatz, dem Bett mit der orangefarbenen Decke zurück.

Als ich das Krankenhaus verlasse, sehe ich in Gedanken Almas graue Augen und wie sie eine flotte Sohle auf's Parkett legt. Anscheinend wurde Almas Liebes-Kanister in ihrer Kindheit bis an den Rand gefüllt und ist selbst jetzt, nach einhundert Lebensjahren nicht aufgebraucht. So, wie ich Alma kenne, wird sie mit dieser eingepflanzten Liebe fröhlich durch die ihr verbleibenden Tage tänzeln und die letzte Wegstrecke mit Bravour meistern.

 

(Bildquelle: Steffi Gaul)