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Jonathan

Der junge Mann strich zärtlich über die vertraute geschwungene Handschrift auf seinen Unterarmen: „Das Leben beginnt, wenn du etwas riskierst!“. Diesen Spruch, wie ein Mantra vor sich hin flüsternd sprang er mit ausgestreckten Armen in das Wasser und glitt kurze Zeit später über die glitzernde Oberfläche.

Er schwamm als gälte es sein Leben. Den Bademeister, die kreischenden Kinder und am Handy spielenden Eltern nahm er nur noch am Rande wahr.  Zug um Zug löste sich der unsichtbare Stein, der von seiner Seele Besitz ergriffen hatte und ihn außerhalb des Wassers in einen Abgrund zu ziehen drohte. Seine Bewegungen wurden immer mechanischer, wie von selbst hoben und senkten sich seine Arme und öffneten und schlossen sich seine Beine. Mit jeder Bahn bröckelte etwas von seinem Herzen und löste sich die Beklemmung, die ihn an manchen Tagen daran hinderte, befreit durchzuatmen.

Für wenige Sekunden dachte er an das letzte Treffen mit seinem Vater, der zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, wieder eine Partnerin gefunden hatte, die jedoch eifersüchtig über jeden Kontakt mit seinem Sohn wachte. In Jonathan stiegen Tränen auf, selbst hier im Chlorwasser, wenn er an das scheinbare Desinteresse seines Vaters dachte, der momentan jeden Kontakt zu seinem einzigen Sohn mied. Für wenige Minuten sah er das lächelnde Gesicht seiner Mutter, wie sie ihm sein Lieblingsessen zubereitete und ihn in Empfang nahm nach einem anstrengenden Schultag. Er erinnerte sich an ihren Duft und an das Gefühl der Geborgenheit, das ihn durchströmte, wenn er abends zu ihr ins Bett kroch oder wenn sie beim Fernsehen den Arm um ihn legte. „Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“, hallte es in seinem Kopf wider, während er seine Schwimmzüge beschleunigte.

Die Chemotherapie-Jahre, in denen die Familie zwischen Hoffen und Bangen schwebte, hatten ihn geprägt und von einem Tag auf den anderen erwachsen werden lassen. Tief in seinem Inneren wusste Jonathan, dass sein Vater auf andere Weise gelitten hatte. Vielleicht war sein desinteressiertes Verhalten lediglich ein Schutzschild gegen Schmerz und Trauer oder sogar Flucht vor ein- und demselben Abgrund, der auch in ihm existierte? Er konzentrierte sich vollständig auf seine Bewegungen, fühlte sich eins mit dem Element Wasser und ließ los, seine Traurigkeit und Einsamkeit, seine Fragen und die Angst vor der Zukunft. Schwimmzug für Schwimmzug wurden die Stimmen in seinem Kopf leiser, bis sie schließlich völlig verstummten.

Nach knapp zwei Stunden stieg er aus dem Schwimmbecken, spülte das Chlorwasser unter der Dusche ab und fühlte sich gewappnet für das Leben, sein Leben, wenn auch nur für diesen einen Tag.

 

Photoquelle: huddlestonco