Zum Hauptinhalt springen

Rüdiger

Rüdiger liegt in seinem weißen Krankenhausbett und sieht aus dem Fenster. Seine wenigen Habseligkeiten befinden sich auf dem Fensterbrett, in einer weißen Plastiktüte.Der graue Rauschebart und der dürre, kachektische Körper lassen ihn älter erscheinen als er in Wirklichkeit ist. Rüdiger ist einer von 45 000 Deutschen, die ohne festen Wohnsitz, einer von 1500 Menschen in Kiel, die wohnungslos sind, vielleicht einer von ungefähr 45, die von den Kieler Behörden als obdachlos bezeichnet werden.

Vor ein paar Tagen kam er zu uns auf Station. Zustand nach Sturz, lautet die offizielle Diagnose für Menschen wie ihn. Es ist nichts gebrochen und doch schmerzt ihn jede Bewegung, wenn wir ihn pflegerisch versorgen. Seine stahlblauen Augen verfolgen jeden meiner Schritte, während sein Mund unaufhörlich vor sich hinbrabbelt- und was er alles erzählt! Flehend fragt er: „Kann ich nicht Mal ein Bier haben?“ Als er meinen Blick sieht, fährt er bettelnd fort: „Das ist was Gutes, kein Sucht- sondern ein Genussmittel!“
 
Auf den Mund gefallen ist er jedenfalls nicht, was er weiter unter Beweis stellt als er lustlos einen Löffel Joghurt zu sich nimmt: „Ich kann doch keinen Hunger haben, wenn ich hier nur geistig arbeite und Fernsehen gucke, nicht wie die Männer, die schwer körperlich schuften." Als ich ihn bitte, mitzuhelfen beim Nach-oben-ziehen sagt er entrüstet: „Ich bin doch nicht Jesus Christus, nur Rüdiger Wachewski!“
 
Rüdiger ist höflich und dankbar, entschuldigt sich, wenn er nicht die richtigen Worte findet, sie ihm unpassend erscheinen. Als ich ihn frage, ob er rasiert werden möchte, bejaht er zu meinem Leidwesen. Rasieren zählte noch nie zu meinen Begabungen. Mit Grauen denke ich an meinen Wiedereinstieg im Krankenhaus zurück. Mein geschätzter Kollege Hansi aus dem hessischen Randgebiet, schickte mich mit diebischer Freude als OP-Vorbereitung zur Rasur, mit Vorliebe zu Patienten mit starker Körperbehaarung. Schweißgebadet kämpfte ich mich durch diese Arbeit und tätigte mit einer Regelmäßigkeit Anrufe im OP, um reumütig von minimalen Haut-Läsionen zu berichten.
 
Rüdiger spricht mir heute Mut zu: „Man kann nicht einfach sagen, etwas nicht zu können. Mein Meister bei der Gasinstallation, der hat uns den Marsch geblasen, wenn wir etwas nicht machen wollten!“ „Rüdiger war also Gasinstallateur in seinem früheren Leben.“, staune ich, während ich konzentriert Zentimeter um Zentimeter seines üppigen Bartwuchses abtrage und anschließend kleine blutende Rinnsale mit Fetzen von Toilettenpapier versorge. Ich betrachte den frisch frisierten, von Schmutz befreiten Mann vor mir und bekomme eine Ahnung davon, wie er als junger Mann ausgesehen haben könnte.
 
Indiskret frage ich: „Hast du Kinder?“ Trocken antwortet er: „Nicht, dass ich wüsste aber so genau weiß man das doch nie!“ Leicht verlegen wechsele ich das Thema, lasse ihn sein nacktes Kinn befühlen und beseitige zeitgleich die traurigen Überreste seines Bartes. Insgeheim überlege ich, welche eingeschlagenen Wege ihn zu der Endstation Straße geführt haben. Außerdem denke ich an eine Dokumentation über die beeindruckende Arbeit eines Fotografen zurück. Dieser portraitierte die Gesichter von Obdachlosen vor und nach einem Neustyling. Die Veränderung der Gesichter war frappierend. Resignierte Augen strahlten plötzlich hoffnungsvoll, gebeugte, vom Leben gezeichnete Rücken richteten sich auf. Die obdachlosen Menschen wirkten kämpferisch, mitten im Leben stehend, wie Erzieherinnen, Sekretärinnen oder sogar wie ein Firmenchef.
 
Während einer Weiterbildung hörte ich zum ersten Mal vom sogenannten “Klimt-Blick“. Der berühmte Maler Gustav Klimt malte eine junge, wunderschöne Dame, die zu diesem Zeitpunkt depressiv und alles andere als hübsch anzusehen war. Er hielt in seinem Gemälde fest, was er IN dieser Frau sah, nämlich eine bezaubernde, attraktive Frau, die sich selbst respektierte und ihr Leben meisterte. Die Legende besagt, dass die junge Dame, als sie dieses Portrait sah, tief erschüttert war und sich in den nächsten Jahren genau zu dieser Person entwickelte, die Gustav Klimt schon längst in ihr entdeckt hatte.
 
Ein Kichern an der Tür weckt mich aus meinen Überlegungen. Zwei meiner Kolleginnen lunzeln in das Zimmer und fragen beim Anblick von Rüdigers neuem Ich: „Was hast du denn gemacht, Anja?“
 
Mit einer Handbewegung scheuche ich sie aus dem Zimmer, während ich in Gedanken ihre Frage beantworte: „Ich trainiere den Klimt-Blick!“