
Modelmädchen
Meine Mädchen hängen relaxt vor dem Fernseher, ihre Beine baumeln über der Seitenlehne der Couch, der Beistelltisch ist voll gestellt mit diversem Knabberzeug, während sie auf den Bildschirm starren und so intelligente Sprüche wie "Es geht heute um die Mädchen" und "Es kann nur eine von euch Germanys next Topmodel werden!" hören oder die Initiatorin der Sendung beim Süppchenkochen in einem modernen Loft beobachten.
Die Couch-Fläzerinnen imitieren aufgedreht die Jury, kichern und fiebern mit ihrer Favoritin, die die seltsamsten Mutproben, wie zum Beispiel ein Fotoshooting unter Wasser, in schwindelerregenden Höhen oder mit einem exotischen Tier ausgestattet, absolvieren muss. Brrrr.... Zwischendurch schaut meine Jüngste auf einen speziell zu diesem Anlass gegründeten Whatsapp-Chat und liest die Kommentare der "Selbsthilfegruppe".
Für einen kurzen Moment denke ich an eine Begebenheit vor vielen Jahren zurück.
Damals wohnten wir noch in der Ofenstadt Velten, im Norden von Berlin und saßen mit dem Chef meines Mannes und dessen Frau am Mittagstisch. Unsere Vierte spielte schon damals ausgesprochen gern mit den legendären Barbies, obwohl sie kaum an den Tisch heranreichte. Jahrelang hatte ich gegen diese gestylten Puppen gekämpft, bis meine Älteste eine "Sportsteffi", die die Arme und Beine außergewöhnlich verdrehen konnte, von unserem Babysitter kredenzt bekam und das Schicksal unwiderruflich seinen Lauf nahm. Jedenfalls schaute unsere Barbie-Liebhaberin zu den Gästen und sagte, den Kopf schief haltend zu der Frau des Chefs: "Du siehst gar nicht wie eine richtige Frau aus!" Ich räusperte mich verlegen, versuchte, mein Kind abzulenken und erklärte: "Es ist etwas stürmisch draußen, da liegen die Haare halt nicht immer perfekt!"
Doch unsere Kleine ließ sich nicht beirren, schielte zu unserem Gast und konterte: "Du siehst aber trotzdem nicht wie eine richtige Frau aus!" Am Liebsten wäre ich im Erdboden versunken.
Es ist in Mode gekommen, sich die Falten auf der Stirn, um die Augen herum und im Mund-Nasen-Dreieck mit Botox wegzuspritzen und sich die Oberweite und die Lippen zu vergrößern. Schauspielerinnen, die ich bis vor kurzem wegen ihrer Ausdrucksstärke bewunderte, sind nun nicht mehr in der Lage, zu lächeln, da ihre gestrafften Gesichtsmuskeln dies nicht mehr schaffen. Ich mag nicht mehr hinschauen, wenn sie mit ihren maskenhaften Gesichtern auf Bildschirmen oder auf der Kinoleinwand zu sehen sind, ich erkenne sie nicht einmal wieder. Junge Mädchen hungern sich zu Tode, da ihnen eine perfekte virtuelle Welt ein Idealbild vorgaukelt, das nicht existiert, sparen für Fettabsaugungen und Schönheits-Operationen wie früher für ein Fahrrad oder ein neues Kleid. Wie verrückt ist unsere Welt.
Julia Engelmann, Deutschlands inzwischen angesagteste Poetryslamerin, verfasste ein Lied zu dieser Thematik. Wie so oft in ihren Texten, trifft sie den Nagel auf den Kopf und lädt zum Nachdenken ein, indem sie sich mit den Supermodels vergleicht. Julia isst gern, sieht morgens zerknittert und zerzaust aus, kann ihre vom Gitarrenspielen ramponierten Fingernägel nicht mit French Nails verzieren, bevorzugt Sneaker statt Stöckelschuhe und ihre Schminke ist nach einer langen Radfahrt hin, was mir die junge Frau sehr sympathisch macht.
Im vergangenen Jahr spielte Julia Roberts in dem, auf einer wahren Begebenheit beruhenden Film "Wunder", die Mutter des gesichtsdeformierten Augies. Zeitweise traut er sich nur mit Sturzhelm aus dem Haus und ist täglich Mobbing und Ablehnung ausgesetzt. Irgendwann liegt er weinend im Bett und fragt seine Mutter: "Wird das immer so sein?"
Julia Roberts sieht ihn liebevoll an und sagt: Wir alle tragen Spuren in unserem Gesicht." . Sie zeigt auf ihre Falten und sagt: "Die hier erzählen, wo wir einmal waren!" Anschließend richtet sie ihre Hand auf das Herz: "Das sagt, wohin wir einmal gehen werden!" Diese Szene wendet unseren Fokus in eine heutzutage völlig unpopuläre Richtung, mahnt und erinnert uns daran, was wirklich zählt.
Ich schaue auf meine Nase, die ich früher stets zu knubbelig fand, betrachte kritisch meine Mund-Nasenfalten, die Hinweis auf schöne und traurige Erlebnisse in der Vergangenheit geben. "Meine Haare müssten mal wieder getönt werden!", geht es mir durch den Kopf und mein "Bonbonbauch" enttarnt mich als Schokoholiker. Manchmal wäre auch ich gern anders, nicht so impulsiv, nicht so hochsensibel, keine Quasselstrippe, ....
In meine Überlegungen hinein höre ich das Vibrieren meines Handys. Ich öffne die WhatsApp-Nachricht und lese leicht ungläubig:
"Ich habe nachgemessen, du bist großartig!".
Fotoquelle: Jonah Harder