Die Lügenbank
Eigentlich wohnte nicht Opa bei uns, sondern wir bei ihm, in seinem geräumigen Haus. Der erste Mann meiner Großmutter starb im zweiten Weltkrieg. Einige Zeit später heiratete sie dann Richard Sommer und so bekam meine Mutter einen Stiefvater
Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn im Wohnzimmer, in seinem schwarzen Ledersessel sitzen oder Mittagsschlaf auf der Hollywoodschaukel im Hof halten. Doch am meisten liebte er es , mit seinen Nachbarn auf der alten Holzbank vor seinem Fenster zu sitzen. Hier war die Zentrale, hier tauschten sich Otto Lehmann, der alten Gastwirt Müller und manchmal auch der Opa meiner Freundin Angela über Dinge des Lebens aus. Hier ließen sie den Tag Revue passieren, hörten sie, wer zugezogen war, redeten sie von zwischenmenschlichen Problemen und werteten diese aus, während sie an den Zigarren pafften. Mein Opa nannte diese Bank selbstironisch" Die Lügenbank". Lange hielt ich es nicht in deren Nähe aus- nicht wegen des Redens, denn das interessierte mich alles brennend. Nein, wegen der qualmenden Zigarren, die mich in dichten Nebel einhüllten und in mir Übelkeit auslösten. Mit Blick auf unsere alten Kastanien und zu Lisbeth Schmidt klönten die alten Herren und ließen den Tag ausklingen. Wenn ich schlafen ging, hörte ich manchmal noch die leisen vertrauten Stimmen, die für mich ein beruhigender Abendgruß waren.
Otto Lehmann, Tante Lehmanns Mann, lief ununterbrochen mit Zigarre im Mund oder in der Hand herum. Ich stellte mir manchmal vor, wie er einhändig die Haare kämmte, Kaffee trank und vor allem, wie er Jauche fuhr. Das alles musste ungemein anstrengend sein mit nur einer freien Hand. Der alte Gastwirt begegnete mir, außer auf der Lügenbank, täglich, wenn ich aus der Schule kam . Er war blind und lief an der Stange vor dem Gasthaus unermüdlich auf und ab, ganz ohne Rollator. Es erstaunte mich, wenn er mich an meinen Schritten erkannte und mit mir ein Schwätzchen halte wollte. Einige Jahre später zog der alte Gastwirt zu seinen Kindern. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Ansichtskarte mit einem Gruß von ihm in krakeliger Schrift. Diese Karte hütete ich jahrelang wie einen Schatz. Sie symbolisierte für mich, die Zuneigung und Wertschätzung eines alten Mannes. Mein Opa, Richard Sommer, erzählte, so lange ich denken kann, täglich von seinem baldigen Ableben. Da er nach zehn Jahren dieses sich täglich wiederholenden Mantras immer noch in seinem schwarzen Sessel saß und Mittagsschlaf hielt, schaltete ich bei diesen Worten ab.
Mein Opa rauchte viel und entwickelte einen ziemlich stark ausgeprägten Raucherhusten. Zu meinem Geburtstag suchte er sein restliches Kleingeld zusammen und überreichte es mir, wenig feierlich, in einer Zigarrenschachtel. Er trug meistens verblichene Cordhosen, ein Hemd mit Hosenträgern und eine Strickjacke, da er ständig fror. Diese Dauerunterkühlung hatte zur Folge, dass er alle möglichen heizbaren Utensilien zu Weihnachten oder zum Geburtstag erhielt und allmählich bestens gerüstet war für die Sibirische Kälte.
Reinlichkeit wurde, seiner Meinung nach, überschätzt. Er trocknete seine benutzten Taschentücher auf dem Kachelofen, mitten im Wohnzimmer. Ab und zu wusch er sich in einer kaum sichtbaren Pfütze im Waschbecken und tupfte sich dann das Gesicht mit einem Handtuch ab. Er liebte seine Kaninchen und sah mit Vorliebe " Der blaue Bock" und die Rosenmontagsumzüge im Fernsehen und das alles in einer Lautstärke, dass ich mich dem nicht entziehen konnte.
Wenn etwas im Haus fehlte oder etwas kaputt ging, pflegte Opa, den "alten Stöhr aus Hundezoone" dafür verantwortlich zu machen, eine von ihm erfundene Person. Eines Tages steckten meine Schwester und ich eine Ansichtskarte in den Briefkasten, kurz bevor die Postfrau mit ihrem Fahrrad kam. Mein von Neugier geplagter Opa rannte wie ein Wiesel als Erster zum Briefkasten. Er griff erwartungsvoll zu der Postkarte und las: "Lieber Richard! Ich hoffe, es geht dir gut! Viele liebe Grüße aus Hundezoone sendet dir der alte Stöhr." Trotz Demenz grinste er und sah uns wissend an. Irgendwann besuchte uns Onkel Hermann aus Berlin, der Kontakte zur DEFA hatte. Bei diesem Besuch stieg auch ein Farbiger aus dem Auto. Mein Opa konnte es nicht fassen, nahm die Hände des dunklen Mannes und betrachtete sie von allen Seiten. Er schüttelte verwundert den Kopf und sagte: " Watt et allet jiebt!"
In seinen letzten Tagen musste er ins Krankenhaus und löste manche Lachsalven bei meinen Krankenpflege- Mitschülern aus. Die Stationsschwester der Intensivstation beispielsweise sah ihm tief in die Augen und sagte: " Herr Sommer, Sie haben aber schöne graublaue Augen!" Er erwiderte auf Platt, auf ihr vermeintliches Flirten, mit: " Ach, du könnst mej auch jefallen!"
Eine zweite Begebenheit fand im Fahrstuhl statt. Ein Mitschüler transportierte Opa zu einer Untersuchung. Im selben Fahrstuhl fuhr ein Mann mit, den Opa nicht kannte. Er fragte den Fremden im weißen Kittel: " Wer bisten du?" Der Mann in Weiß antwortete: "Ich bin Chefarzt S.!" Für Opa waren alle Menschen gleich und so sagte er: "Na und, und was willste hier?"
Mit Opa in einem Haus zu leben hieß, dass wir nie unbeobachtet aus dem Haus gehen konnten, bedeutete, dass jeder Besucher mit Fragen bombardiert wurde und Opa am Morgen mit Nachttopf über den Flur schlurfte.
Es gab Spannungen, wie es sie überall gibt, wo Generationen unter einem Dach leben. Manchmal sehnte ich mich einfach nach Ruhe, nach Rückzugsmöglichkeiten, was aber bei einem gelangweilten Senior mit ausgeprägtem Informations- Mangel- Syndrom unmöglich schien. Andererseits gehörte seine Anwesenheit einfach dazu. Wenn ich ins Wohnzimmer ging, schweifte mein Blick automatisch zu seinem Sessel.
Manchmal stelle ich mir meinen Opa im Himmel vor, wie er auf seiner geliebten Lügenbank, neben seinen früheren Nachbarn sitzt und Zigarre paffend zu uns hinunterschaut und sagt: " Watt et allet jiebt!"