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"Le‘Chajim" - Auf das Leben

Sonntag 

Ich stehe an der geöffneten Haustür und winke dem davon brausenden Hybrid-Nissan mit Veltener Kennzeichen hinterher. Matthias sitzt auf dem Beifahrersitz, während seine Frau Guia, meine langjährige Freundin aus Nord-Ost-Brasilien, mir durch das Fenster ein letztes Schmeissküsschen zu wirft.

Sie wendet, was zur Folge hat, dass die bis zum Anschlag aufgedrehte  Googlemaps-Stimme vibrierend durch das Fenster scheppert und ihre Route Richtung Autobahn lautstark korrigiert wird. "So temperamentvoll wie die Autobesitzerin, so ist auch die Fahrweise.", geht es mir durch den Kopf. 

Lächelnd schließe ich die Tür und denke an die letzten zwei Tage zurück, als Guia und Matthias mit Beuteln, Hausschuhen, Geschenken unserer früheren Nachbarin Nina sowie einer frischen Ananas bepackt, durch die Haustür traten.

Freitag 

Ähnlich, wie viele Jahre zuvor ihr kleiner Veltener Garten inspiziert wurde, was ich damals als stiller Voyeur durch die Gardine beobachtete, durchschreitet Guia nach ihrer Ankunft, mein neues Zuhause im hohen Norden. 

Sie umkreist den Küchentisch, wirft einen prüfenden Blick in den Garten und wiederholt ihre traditionelle Begrüßungsformel: "Ach, Anja!" 

Wenige Minuten später sitzen wir zu dritt am gedeckten Kaffeetisch und betrachte ich meine Besucher etwas genauer. Mein Freund Matthias trägt nach wie vor seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und ist so rank und schlank, dass mein professioneller KrankenschwesternBlick ihm sofort hochkalorische Kost verordnen möchte. Unter seiner Strickjacke lugt ein T-Shirt mit dem aufgedruckten Satz des Pythagoras, hervor, ein geliebtes Souvenir des verjährten GriechenlandUrlaubs. 

Guia, der kleine brasilianische Wirbelwind, ist mit einer eleganten, weißen Hose, einem rosafarbenen, bequemen Pullunder bekleidet und trägt ihre unbändigen, langen  Haare abwechselnd offen oder leger zu einem Knubbel verknotet. 

Wir sprechen über Kinder, unsere Nachbarn in der Botag-Siedlung und schließlich über den allgegenwärtigen Ukraine-Krieg, der jegliche Sorge unsererseits als belanglos enttarnt. Was spielt es für eine Rolle, mit welchen Alltäglichkeiten wir uns herumquälen, wenn der Frieden in Europa bedroht ist und ein größenwahnsinniger russischer Präsident es sich als Ziel gesetzt hat, in die Geschichte eingehen zu wollen, koste es, was es wolle?

Diese düsteren Gedanken beiseite schiebend,  lässt mich Guia an ihrer ureigensten Krisenbewältigung teilhaben: „Anja, weißt du, was mirrr hilft, wenn es mirrr nicht gut geht?“ meine Antwort nicht abwartend berichtet sie kichernd: “Einkaufen im Interrrnet! Ich fülle den Warrrenkorb bis oben hin, schicke die Bestellung aber nicht ab. Wenn es mirrr wiederrr besserrr geht, leerrre ich ihn wiederrr!“ Während sie erzählt, wedelt sie beeindruckend mit ihrem Zeigefinger durch die Luft und sagt in Richtung ihres Ehemannes: „Nicht wahrrr, Schatz?“  Ich muss lachen, da mir diese Geste so vertraut und jedes Reden meiner Freundin mit Special Effects gespickt ist.

Am nächsten Tag teilt mir Guia am Frühstückstisch mit: „Heute ist so schönes Wetterrr. Matthias und ich werrrden jetzt zehn bis zwanzig Kilometerrr wanderrrn. Nicht wahrrr, Schatz? Anja, du musst nicht mitkommen!“ Etwas verblüfft über ihren rigorosen Vorstoß erwidere ich: „…aber Guia, wenn ihr ein Mal in sechs Jahren zu Besuch seid, lasse ich euch doch nicht vier Stunden allein wandern!“ Gesagt, getan!

Eine halbe Stunde später wandern wir bei herrlichem Sonnenschein am Nord-Ostsee-Kanal entlang und beobachten die riesigen Frachtschiffe. Matthias stapft mit einer bewundernswerten Beharrlichkeit Kilometer für Kilometer, während Guia vom Pilgern auf dem Jakobsweg erzählt, portugiesische Melodien singt, mit ihrer Familie im fernen Brasilien telefoniert und kurzerhand einen kleinen Stock als Haarnadel umfunktioniert.

Nach zirka zehn Tagen Sturm und Regen sauge ich die Sonnenstrahlen förmlich auf, die in mein Innerstes dringen und die auf meiner Seele lastende Melancholie vertreiben. Am  Ufer des Kanals sitzen oder stehen aufgereiht, mit wenigen Metern zwischen sich, passionierte Angler, mit Mütze, ohne Mütze, schweigsam oder sich Aufmunterungen zurufend. Ganz Schleswig Holstein scheint heute unterwegs zu sein und den seltenen Sonnenschein genießen zu wollen. So beobachte ich flanierende Paare, junge Eheleute beim Kinderwagenschieben und Jogger, die schlängelartig an uns vorüberrennen. Unsere Wander-Gespräche werden immer wieder von ungeduldigen, am Kanal entlang preschenden Fahrradfahrern unterbrochen, die im Minutentrakt durch Fahrradklingeln auf sich aufmerksam machen, so dass wir erschrocken zur Seite springen. Nach einem kleinen Abstecher mit der Fähre, setzen wir uns auf die Terrasse eines Cafés, mit Blick auf den Kanal und bestellen Kakao für Matthias und Orangensaft für uns.  Welch' unverdientes Geschenk in diesen unruhigen Zeiten!

Auf dem Rückweg spüre ich bereits ein leichtes Ziehen in meinen Füßen, das sich bei jedem Schritt heimwärts verstärkt.

Mühsam schleppe ich mich die letzten Hügel auf der Asphalt-Straße Richtung Bünsdorf entlang und schmerzt mein linker Fuß nun bei jedem Auftreten. Spätestens jetzt realisiere ich, dass Winterschuhe definitiv nicht für lange Wanderungen geeignet sind. Im Gegensatz zu mir tänzelt Matthias in seinen Sportschuhen leichtfüßig die Hüttener Berge auf und ab. Von Schmerzen und Ermüdung ist bei ihm nichts zu spüren. Im Aukamp angekommen, tausche ich endlich meine Winterschuhe mit meinen ergonomisch geformten Haus-Puschen und versorge  mich vorsorglich mit Schmerzmitteln.  Guias Füße zeigen ebenfalls erste Blessuren, was in Anbetracht der gewanderten siebzehn Kilometer nicht weiter erstaunt. Müde nimmt sie in unserem Gästezimmer ein wohltuendes Fußbad ein und verkriecht sich später erschöpft unter der warmen Bettdecke. 

Bald darauf nehmen wir, bei schwindendem Tageslicht, im vom Kamin aufgeheizten Wohnzimmer unser Abendbrot ein. Wehmütig erinnern wir uns an Episoden unserer Nachbarschaft und prosten uns mit  Weißwein nach jüdischer Sitte: „le chajim“ („Auf das Leben“) zu. 

Für einen Augenblick tauchen in meinem Kopf wieder die erschreckenden Bilder aus der Ukraine auf. Ich kann und möchte sie nicht verdrängen. Mahnen sie uns doch,  nach zwei Jahren Distanztraining zu einer Kehrtwende, hin zu unseren notleidenden Brüdern und Schwestern. Dennoch erfüllt mich am Ende dieses Tages Dankbarkeit für zwanzig Jahre brasilianisch-deutsche Freundschaft und erscheint mir der Trinkspruch, den sich Juden auch in den dunkelsten Zeiten zugesprochen haben, selten passender gewesen zu sein. 

Ich denke an die unzähligen Hilfstransporte für die Ukraine, an demonstrierende Russen, die mit erheblichen Strafen rechnen müssen, und an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der seine russischen Nachbarn auf Russisch beschwört, sich Krieg und Gewalt entgegen zustellen. Meine Gedanken schweifen zu den Demonstranten am Brandenburger Tor, die „Dona Nobis Pacem“, „Schenke uns Frieden“ singen und zu dem kleinen ukrainischen Mädchen im Luftschutzbunker, das mit seinem Lied „Let it Go“ aus Frozen unsere Herzen berührt. 

Es heißt: „Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist es am dunkelsten.“ Darauf will ich vertrauen. Le‘Chajim- das Leben triumphiert.