"Ach, Guia!"
Frühling 2015
Ich fahre entlang auf flachen Straßen, höre BB-Radio und genieße die Weite. Während meiner Pausen an den Raststätten wird nun "berlinert" und der Umgangston ist etwas rauer. Nach sechs Stunden Fahrt durchquere ich endlich die Ofenstadt Velten. Der Beethovenweg, wo ich fünf entscheidende Jahre meines Lebens verbrachte, wirkt unverändert, so als wäre ich nie fort gewesen.
Ich parke mein Auto am Straßenrand, wie gewohnt außerhalb der Wohnsiedlung und laufe den altbekannten Weg zu Pfeifers.
Nach wie vor spielen Kinder auf der Straße, wo anscheinend immer noch strengstens auf die Einhaltung des Schritttempos geachtet wird. Unser ehemaliges Haus ist zugewuchert und Hundegebell dringt bis zu mir. Der alte, übergroße Fahrradschuppen, für den wir nie eine Baugenehmigung erhielten, steht unverwüstlich im Garten. Schließlich klingle ich im Haus gegenüber unserem ehemaligen Zuhause und der Mann meiner Freundin Guia öffnet die Tür. Ungewollt fällt mein Blick nach unten und ich registriere zwei verschiedene bunte Socken. Unwillkürlich muss ich schmunzeln, während aus dem Wohnzimmer eine vertraute Stimme mit portugiesischem Akzent sagt: "Anja, da bist du ja schon!". Meine Gedanken wandern zurück zu dem Tag, an dem mir Guia zum ersten Mal begegnete.
Frühling 2002
Ich ziehe die Baumwoll-Rollos nach oben und werfe einen Blick aus dem Fenster. Das leerstehende Haus auf der gegenüberliegenden Seite wird von einer fremdländisch wirkenden Frau mit dunklen, krausen Haaren, kritisch begutachtet. Sie durchschreitet mit aufrechtem, stolzen Gang das Grundstück. Ein ziemlich europäisch aussehender, schlanker Mann mit Pferdeschwanz läuft gemächlich hinter ihr her. Um sie herum toben zwei dunkelhaarig gelockte Zwillingsmädchen, ein Ebenbild ihrer Mutter, durch den Garten. Irgendetwas nimmt mich gefangen. Ich kann den Blick, auch wenn ich wollte, nicht von dieser vierköpfigen Familie lösen und beobachte voyeuristisch, wie sie mit der Nachbarin ins Gespräch kommen und die hüpfenden Zwillinge die Gondel- Schaukel benutzen dürfen. Die Mädchen kreischen vor Vergnügen, die pure Lebensfreude ausstrahlend und die Mutter schubst sie immer wieder an, guckt sich dabei prüfend um. Ich werfe einen Blick auf die sympathisch wirkende Frau und überlege: "Woher sie wohl kommt?" Kurze Zeit später verfolgen die Zwillinge eine Katze, quer durch die Siedlung und rufen in einer mir fremden Sprache: "Gato! Gato!"
Wochen später zieht dieselbe Familie im Haus gegenüber ein, werden sie zu unseren unmittelbaren Nachbarn. Eines Tages steht Hannah, meine Zweijährige, an der Verandatür. Der Vorhang ist notdürftig zur Seite geschoben und sie winkt. Verwundert folge ich ihrem Blick und entdecke die süßen Zwillinge, die ebenfalls an ihrer verglasten Verandatür stehen und Hannah begeistert zurückwinken. Manchmal genügt ein winziger Augenblick, ein Lachen, ein Wort, um eine Brücke zwischen Menschen zu schlagen. Von diesem Moment an knüpfen die drei Mädchen, zwei mit südländischem Teint und eins mit weißblondem Haar eine intensive Buddelkasten-Freundschaft und spielen von nun an täglich miteinander.
Guia ist fast immer fröhlich, so als hätte die brasilianische Sonne auch ihr Herz gewärmt. Sie erzählt mir von ihrer riesigen Familie, dem fernen Land und was sie nach Deutschland führte. Ihren Mann, den sehr stillen, introvertierten Matthias, lernte sie durch ein katholisches Hilfswerk kennen, für das er arbeitete. Guia sagt laut lachend mit rollendem rrr:" Anja, drrrei mal darrrfst du rrrraten, werrr wen angesprrrochen hat!" Ich muss lachen und erinnere mich an die Aussage ihrer Schwester, die meinte, wenn sie blind wäre, würde sie nicht merken, dass Matthias mit im Zimmer sei. Er ist Guias Gegenpol, ihre Ergänzung und trotzdem in den wichtigsten Fragen mit ihr einer Meinung.
Guia liebt Gesellschaft, ist extrovertiert und sprudelt nur so vor Leben. Wenn ich zufällig aus dem Fenster sehe und zu ihrem Haus hinüberblicke, telefoniert sie des Öfteren, an der Verandatür stehend, mit ihrer Familie im fernen Brasilien. Als ich unverhofft Läuse auf dem Kopf meiner Tochter entdecke, sagt sie relaxt in ihrem unnachahmlichen Singsang: "Anja, bleib ganz rrruhig! In Brrrasilien hat jedes Kind ab und zu Läuse." Zirka zwei Wochen lang steht meine Familie Schlange, um sich von Guia die Haare nach den Parasiten absuchen zu lassen. Ihre kräftigen Kopfmassagen bei dieser Tätigkeit lassen mich eine Idee aussprechen, die sie später in die Tat umsetzt. "Guia, du solltest Physiotherapeutin werden!" Unsere Jüngste kehrt täglich bei Judith und Isa ein. Immer wieder stiehlt sie sich heimlich davon, um dort zu spielen, zu essen, Zeit zu verbringen. Es scheint, als würde sie von der brasilianischen Andersartigkeit magnetisch angezogen werden. Sie fühlt sich dort wie zu Hause. Das geht sogar so weit, dass sie Matthias mit " Papai" anspricht, dem portugiesischen Wort für Papa.
Irgendwann bekommt Guia Bauchschmerzen. Ich fahre mit einer sich krümmenden, temperamentvollen Brasilianerin zur Rettungsstelle, die in ihrer unnachahmlichen Art "Ach, Anja!" stöhnt. Mit Mühe und Not kann der Arzt, sich aus ihrer Umklammerung befreien und sie beruhigen. Kurze Zeit später, ich kann mich nicht mehr an die Diagnose erinnern, ist sie "Gott sei Dank" schmerzfrei. Solches Herauslassen des Schmerzes und der Emotionen ist meinem deutschen Temperament eher fremd und hat sich von daher für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt.
Guia hat Musik im Blut. Zuhause, in ihrer Heimat, sang sie in einer Band mit ihren Geschwistern. Diese musische Begabung sehe ich auch in ihren Kindern. Raphaela, ihre dritte Tochter, schwingt schon im Kleinkindalter mit O-Beinen und Windelpaket ihre Hüften zu brasilianischen Rhythmen, die Guia mit ihrer fröhlichen, durch alle Etagen schallenden Stimme begleitet.
Guia und ich gaben in jenen Jahren den Nachbarn Spitznamen, um unseren vergesslichen Männern Gedächtnisstützen zu bieten. So gab es zum Beispiel den "Brummelnachbarn", der bei unserem Einzug in das Wohnviertel einiges zu kritisieren hatte, die "Kettenraucherin", die man mehrmals täglich vor der Haustür, mit Glimmstängel in der Hand antraf, da die Wohnung rauchfrei bleiben sollte. Die "Witwe" brüllte abends regelmäßig die englischen Namen ihrer Sprösslinge durch die Siedlung, um sie zum Nachhausekommen zu animieren und die an Stasi erinnernde "I.M. Silvie" beobachtete, unaufhörlich und ungeniert vom Fenster aus, die Nachbarschaft. Diese Spitznamen verteilten Guia und ich nicht aus Boshaftigkeit, sondern sie erinnerten mich an die Namensschöpfungen, die in meiner Heimatregion kreiert wurden, um Personen besser unterscheiden zu können. Noch heute lachen wir über unsere manchmal irreführenden Namensgebungen, die unseren Ehemännern jedoch oft hilfreich waren.
Die Häuser der Siedlung bestanden aus jeweils 4 Wohnungen, die sich über drei Etagen erstreckten, zwei Wohnungen davon besaßen Terrassen, die zur Straße zeigten. Wir wohnten recht nah beieinander und es schien unmöglich, dass man grillte, oder Besuch empfing ohne das Wissen der Nachbarn. Umgeben von Menschen mit Berliner Slang, fiel Guia mit ihrem rollenden rrr, dem stolzen Gang und dem südländischen Temperament auf. Guia und ihr Mann sind bis heute "Öko-Freaks" und bekennende Bio-Produkte-Liebhaber. So benutzten sie hauptsächlich das Fahrrad oder ein Gas betriebenes Auto und die Zwillinge transportierten sie vorrangig in einem Fahrradanhänger, in den sich unsere Jüngste selbstverständlich mit rein quetschte.
Damals besuchte ich Guia, wenn ich eine Auszeit von meiner Großfamilie brauchte, wenn ich reden wollte, wenn ich eine Tasse Kaffee eine Prise Fröhlichkeit benötigte. Beim Betreten ihrer Wohnung nahm mich ihre unkomplizierte, unbeschwerte Art gefangen und ich tauchte in eine fremdländische Kultur ein. Manche Dinge, die für Deutsche ungemein wichtig sind, erhielten von Guia einen anderen Stellenwert und gewannen an Leichtigkeit. Guia vermisste an manchen Tagen die brasilianische Wärme und fror und bibberte in unseren kalten Jahreszeiten. Dieses Problem hat sie inzwischen gelöst. Möbelstücke, die ihr nicht mehr gefallen und Zweige vom Spazierengehen werden kurzerhand zerhackt und in ihren geliebten, bei Ebay ersteigerten, Kamin geschmissen. Die Hitze, die einen jetzt an ungemütlichen Tagen empfängt, erinnert ein bisschen an tropische Temperaturen. Irgendwann äußerten ihre Zwillinge den Wunsch, die ihnen nicht zusagende Schrankwand, ebenfalls zu Brennholz zu verarbeiten. Noch ist das Möbelstück nicht in Gefahr.
Nach fünf Jahren Velten hieß es dann, Abschiednehmen von meiner Lieblingsnachbarin. Wochenlang, monatelang hinkte meine Seele hinterher, war ich gedanklich noch in Velten, im Beethovenweg, in Guias Küche.
Nach einigen Wochen erhielt ich eine E-Mail von Guia mit der Betreff- Zeile "Nur für Anja". Dieser Brief ist bis heute der schönste und emotionalste Brief, den ich je erhalten habe. Ab und zu öffne ich meinen Nachtschrank, nehme das kleine Büchlein zur Hand, wo ein zusammengefalteter, fast vergilbter Brief liegt, vertiefe mich in die Zeilen und bin immer wieder berührt von Guias Worten.
Auch wenn wir schon seit vielen Jahren keine Nachbarn mehr sind, sehe ich sie in Gedanken in ihrer kleinen Küche brasilianische Teigtaschen zubereiten und mich, etwas unkonventionell, auf ihrem Wohnzimmertisch auf eine Massage wartend liegen. Ich sehe sie barfuß durch ihren Garten laufen, höre ihr Lachen und wie sie ihre Brille nach oben schiebend aus tiefstem Herzen sagt: "Ach, Anja!"