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Fredi

Ich sehe seufzend aus unserem Küchenfenster, hinaus in den Garten. Es wird höchste Zeit, den Rasen zu mähen.

Innerlich gehe ich meinen Wochenplan durch und überlege, wann ich mich dem Unausweichlichen stelle. Am Abend klingelt Fredi, mein Lieblingsbauer, an der Haustür, übergibt mir frische Landeier, wirft einen Kennerblick auf den Garten und sagt: " Wollte mal vorbeigucken, wie euer Rasen aussieht!" Mit seinem ureigensten Wald- und Wiesen- Radar spürte er die Notwendigkeit einer Rasen- Kürzung. Am nächsten Vormittag biegt ein mir bekannter Traktor in unsere Torauffahrt. Fredi klingelt nicht, fragt nicht, legt einfach los, verwandelt unseren Rasen in ein ansehnliches Stück Wiese und befreit mich von einer großen Last. Zehn Jahre zuvor. Wir sind gerade in unser neues Domizil gezogen. Nun streiken die Sanitäranlagen, überall blubbert und gluckert es. Hilflos stehen wir dem Chaos gegenüber. Finanzen sind knapp nach der langen Erkrankung meines Mannes, dem Umzug von Brandenburg nach Rheinland - Pfalz und der ein Jahr späteren nochmaligen Umsiedlung von der Untertalstraße in den Gänsberg. Somit überlegen wir zehnmal, welche Ausgaben unausweichlich sind und noch zehnmal, bis wir es endlich tun. Klempner sind für uns momentan nicht bezahlbar. In diese Situation hinein kommt auf einmal ein rüstiger Rentner mit verschmitztem Lächeln und Armmuskeln aus Stahl. Kein Mann großer, blumiger Worte, sondern ein Mann der Tat. Bevor ich gucken kann, steht er schon mitten drin im Abwasserschacht und hilft, dass alles wieder in Fluss kommt. Fredi kümmert sich aber nicht nur um praktischen Belange. Kurz nach unserem Umzug äußert unsere Dritte zum wiederholten Male den Wunsch nach Reitstunden. Fredi und Eva besitzen zwei altersschwache Rentnerpferde " Liska" und " Bella", auf denen sie nun ab und zu gemütlich spazieren laufen kann, denn reiten kann man diese gemächlichen Bewegungen nun wirklich nicht nennen. Rahel ist das egal. Sie liebt Tiere jeglicher Art und nun ermöglicht ihr Bauer Jeckel diesen lang gehegten Kindheitstraum. An einem 1. Mai öffnen Jeckels Haus und Hof für einen Gemeindeausflug. Ganze Heerscharen pilgern zu Fredis Hof. Manche Senioren, denen die Wanderung zu beschwerlich scheint, lassen sich zu Jeckels chauffieren. Dort angekommen, lassen wir uns auf Bänken und Strohballen nieder, singen Fredis Lieblingslied, " Wie lieblich ist der Maien", hören eine Andacht, spielen mit den Kindern, grillen in einer leer stehenden Scheune und lassen die Seele baumeln.
Seinen 70. feiert er ebenfalls auf seinem riesigen Gehöft, auf dem Biergarnituren aufgereiht stehen. Bei herrlichstem Sonnenschein trinken wir Kaffee an den hübsch geschmückten Tischen, wo es die leckersten Torten und Blechkuchen gibt. Kinder, Enkel und Urenkel verteilen sich an den Tischen und ich mustere ihre Gesichter auf der Suche nach Ähnlichkeiten und entdecke sie zuweilen. Alle sind gekommen und drücken ihre Zuneigung und Wertschätzung auf eher zurückhaltende Art aus, so wie Fredi selbst ist. Eine ganz neue Seite beobachte ich an Fredi bei einer Sommer- Familienfreizeit. Eva und er sind mit Abstand die ältesten Teilnehmer, was sie aber nicht abhält, sich einzubringen. Mit einer kindlichen Freude hütet Fredi nun in seinem reifen Alter das Tor beim Hockeyspielen, albert mit den Kindern
der bedeutend jüngeren Paare herum und meldet sich sofort für den Küchendienst mit der netten Französin, die das "R" in seinem Namen so bezaubernd rollt. In seinem wahren Element fühlt sich Fredi aber unter freiem Himmel, in der Natur. Deshalb bemerkt er natürlich nach kürzester Zeit, dass unsere Familie nicht die Gabe des " grünen Daumens" besitzt und unsere Flora und Fauna dringend Hilfe benötigt. In gewissen Abständen tuckert er mit seinem Traktor auf der Straße entlang, um auf unserem Grundstück unnütze Äste und Verzweigungen zu entfernen, zu graben und neu zu bepflanzen, um die Gehwege von Unkraut zu befreien. Als unser Rasenmäher seinen Geist aufgibt und ich Fredi um Ausleihe seines Gartengerätes bitte, sagt er :" Nur mit dem dazugehörigen Arbeiter!" Inzwischen ist unser Rasenmäher 1,5 Jahre defekt und noch immer kommt monatlich der Rasenmäher mit dem dazugehörigen Gartenarbeiter. Ein wenig neidisch höre ich meine Nachbarin sagen:" Den jungen Mann hätte ich auch gern einmal als Hilfe! Ab und zu beschleicht mich ein schlechtes Gewissen wegen der kostenlosen Arbeit und ich frage Fredi:" Du, wie ist das jetzt mit der Bezahlung?" Fredi grinst mich nur schelmisch an und meint:" Na, immer so weiter!" Fredi züchtet Kühe, Schweine, Hühner und ist durch und durch ein Bauer. Es stört ihn nicht, dass er noch nie in Amerika und München war. Eine Woche bei seiner im Norden lebenden Tochter genügt, um Heimweh nach seinen Wiesen, Feldern und dem Federvieh auszulösen. Manche Menschen haben das große Vorrecht, ihre Berufung zu finden und zu leben. Mir scheint, Fredi hatte nie Ambitionen nach vermeintlich Höherem. Er war und ist glücklich mit dem, was er ist und tut. Ein "Danke" ist viel zu wenig, was ich Fredi sagen möchte. Zu gern würde ich ihm etwas zurück- geben für all die Stunden des unermüdlichen und liebevollen Arbeitens, die er in unser Grundstück und in unsere Familie investiert hat. So laden wir ihn und seine Frau Evi zum Advents- Kaffeetrinken und - Singen ein. Evi und Fredi fühlen sich wohl bei dem kleinen Plätzchen- und Tee- Beisammensein. Eva singt begeistert mit und beteiligt sich am Gespräch. Irgendwann stößt sie ihren Fredi an und sagt:" Fredi, sag doch auch mal was!" Er aber lächelt verschmitzt in die Runde und meint:" Ist doch alles gesagt!"