
Die Knallerstub
Ich bin ziemlich aufgeregt und hibbelig, fahre auf der noch dunklen Straße, die sich in Kurven schlängelt.
Nach 20 Jahren zu Hause und 6 Jahren Minijob im Altenheim will ich mich wieder in den Krankenhausalltag wagen und das auch noch auf einer chirurgischen Station, wo ich auf Innere Examen ablegte. Die Situation erscheint mir unwirklich. Kopfschüttelnd biege ich in die Zielgerade ein und denke:" Was hast du dir dabei gedacht? Du spinnst!"
Kurze Zeit später messe ich Vitalwerte, jage ich Spritzen in den Bauch und bin umgeben von einem mir noch fremden Team, was bunt gewürfelt scheint. Pfleger Hansi, ein Unikum mit hessischem Mundwerk, widmet sich den Patienten und Mitarbeitern auf seine eigene Art und Weise. Anfänglich empfinde ich seinen Humor grenzwertig. Mit der Zeit bemerke ich aber, wie er durch seine herbe Art, den Patienten die Angst vor Operationen und anderem gefürchteten Unheil nimmt. Er versteht es, den Ball flach zu halten, Befürchtungen zu entkräften und reißt die Patienten aus ihrer Resignation.
Zu einer Patientin , die seit einiger Zeit eine rechtwinklig am Körper anliegende Armbandage trägt, sagt er lapidar: "Jetzt müssen se das Ding aber auch mal abmache, sonst seh'n se bald aus wie Napoleon!" Wir prusten los und die Frau mobilisiert ihren Arm - ohne Bandage.
Eines Tages steht ein kleiner, süßer Junge vor mir. Ich beuge mich zu ihm hinunter und spreche mit ihm. Hansi biegt um die Ecke und sagt in Anbetracht meiner fünf Kinder:" Na, willste noch eins? Eins mehr oder weniger macht bei dir doch nichts aus!" Inzwischen kenne ich ihn etwas besser und er erhält einen Schlag auf den Hinterkopf.
Unser syrischer Arzt bringt leckere Köstlichkeiten aus seiner Heimat mit. Hansi kostet genießerisch und sagt kauend:" De Syrer könne also nich nur schieße, sondern auch Plätzche backe!"
Auch seine anfänglichen Aussagen über seine Frau verwirren mich. Mal ist es "die Frau, die bei mir im Haus wohnt", mal "Frau Lotz", "Steffi" oder die "Buffy", was wohl von ihren blonden "Löcksche" herrührt. Mit Frau Lotz ist er zwar nicht verheiratet, hat er aber drei Söhne. Auf die Frage einer Mitarbeiterin, ob er die Buffy heiraten würde, erwidert er: "Ich heirate doch keine alleinstehende Mutter mit drei Kindern!"
Hansi besitzt ein Motorrad mit Beiwagen, womit er jeden Tag im Krankenhaus vorfährt. Mit fast bodenlangem Ledermantel und Motorradstiefeln rückt er zum Dienst an. Er ist um die Fünfzig, rank und schlank und guckt oft ernst, weshalb man bei ihm nicht auf diesen Galgenhumor gefasst ist.
Eigentlich redet er nicht viel von sich, nur häppchenweise erfahre ich, dass er bei den Großeltern aufwuchs, dass sein Jüngster sein "Moppedsche" frisiert hat, dass sein Ältester so stumm ist, dass "man ihn auf dem Rastplatz vergesse könnt" und dass er in seinem früheren Leben LKW- und Busfahrer war. Er ist ein Tüftler, sammelt zu Hause alte Gegenstände, Werkzeuge, bastelt an Haus und Hof herum. Auf Arbeit sammelt er ebenfalls, dort aber Op- Schrauben und - Zubehör, die er wie so ein kleines Museum und Quelle des Wissens für alle Nichtkundigen aufbewahrt.
Eines Tages steht er mit Kittel vor dem Dienstzimmer, das er wegen seiner Aufmachung nicht betreten darf. Er beschreibt mir, was ich holen soll. Prompt schleppe ich das Falsche herbei und er sagt:" Wir könne noch nich heirate, Hedda und Tatjana verstehe mich blind!" Bei Hansi sind Nicht-Einheimische" Utschebeppes" und Zimmer mit schweren Pflegefällen bezeichnet er als "Knallerstub".
Doch hinter all diesen lockeren, schnodderigen Sprüchen steckt ein Mann mit Herz und Mitgefühl. Wenn jemand, den er näher kennt, krank wird, ist er betroffen, wenn eine Schwester Hilfe beim Umzug benötigt, packt er an. Wenn die alt eingesessenen Schwestern in Ruhestand gehen, bastelt er seltsame, gewöhnungsbedürftige Konstrukte von Wanduhren als Abschiedsgeschenk, bestehend aus Nierenschalen, Bettpfannen oder gynäkologischen Spekulas. Unsere Oberärztin äußerte wegen dieser obskuren Präsente Dankbarkeit, dass sie voraussichtlich NACH Hansi in den Ruhestand gehen wird.
Wenn ich desorientiert, verunsichert und einem Kopf voller Fragen herumlief, sagte er:" Na Schwestersche, was is los, brauchste Hilfe?"
Solche unverwechselbaren Menschen wie Hansi findet man selten. Im Zeitalter der Globalisierung gleichen sich auch die Menschen an. Hansi scheint einer anderen Epoche entsprungen zu sein. Er benötigt kein Handy, spricht einer Schülerin ein Lob aus, da sie den technischen Geräten wie Fernseher, Pc und Handy abgeschworen hat. Er liebt Mon Cherie und die Internet- Suchmaschine zu benutzen bezeichnet er als " Gockele". Er kennt jeden im Umkreis von 100 Kilometern und weiß um verwandtschaftliche Verzweigungen, wer mit wem kann oder auch nicht, welche Schicksalsschläge eine Familie heimsuchte, wer seine alte Mutter versorgt oder wer verwahrlost, am Existenzminimum sein Leben fristet. Wann immer ich diese intimen Details höre, danke ich Gott, dass ich nicht im Hansi- Informationsradius aufgewachsen bin.
Einen alten Patienten kennt er von früher. Die Angehörigen wenden sich vertrauensvoll an Hansi und erfragen, wie es ihrem Vater geht. Hansi sagt ohne Pomp und Gloria:" Was soll ich sage. Mit de Loddar geht's bergab!"
Wer mit Hansi zu tun hat merkt, dass er eine ehrliche Haut ist, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält oder wie man hier sagt, dass er " hinten wie vorne" ist. Seine Späße und Sprüche überschreiten manche Grenzen und dennoch bin ich sicher, dass er nicht wirklich verletzen will. Zu allem und jedem hat er einen Kommentar parat und versorgt uns mit seinen unerschöpflichen Lebensweisheiten.
Gerade sehe ich ihn in Gedanken am Tisch im Dienstzimmer sitzen, seine tägliche Apfelration aus eigenem Anbau schälen und höre ihn versonnen sagen: "Das waren noch Zeiten, als man fett mit U schrieb!"...