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Cinderella

Meine Älteste und ich stehen abrupt vom Frühstückstisch auf, greifen nach Handtaschen, Autoschlüssel und wie heutzutage jeder "moderne" Mensch, nach dem Handy, ziehen die Haustür hinter uns zu

und fahren kurz darauf mit meinem kleinen Polo zum Heinrich-Lübke-Ufer, um die S-Bahn Richtung Innenstadt zu erreichen und unterwegs die beiden Freundinnen der zukünftigen Braut aufzugabeln. Bald darauf sitzen wir in der Bahn und ich bewundere den erwachenden Morgen am Rheinufer. Die Sonnenstrahlen breiten sich wie ein schimmernder Teppich über dem Fluss aus und noch zeigt sich der goldene Herbst von seiner farbenfrohen Seite, im Gegensatz zu den meist grauen, stets etwas Melancholie verströmenden Novembertagen. Die Bahn hält und das zweite Mitglied der Brautjury gesellt sich zu uns. Die Dazugestiegene ist das Bindeglied zwischen Braut und Bräutigam und vertritt bei diesem Date SEINE Interessen, indem sie der Brautkleid-Sucherin mitteilt, dass ER "nicht zu viel Stoff" wünscht, was auch immer das heißen mag.

Dank Google Maps stehen wir zu dritt, bald zu viert, kurz nach halb zehn vor den Toren des Brautgeschäftes mit dem verheißungsvollen Namen "Cinderella" und werfen immer wieder einen verstohlenen Blick auf die im Schaufenster ausgestellten weißen Prinzessinnenkleider, dem Traum eines jeden kleinen und großen Mädchens. Die Wetterprognose weissagt für heute Morgen acht Grad Celsius, die ich in Anbetracht meiner eiskalten Finger nicht hinterfrage. Wir treten, leicht mit Kälte und Ungeduld kämpfend, von einem Bein auf das andere, hoffend, dass sich die Tore des Geschäftes pünktlich öffnen. Inzwischen tummeln sich rechts und links von uns zwei weitere Brautkleid-Peergroups, selbstverständlich aus Frauen bestehend. Eine Braut erhält downstairs ihre höchst eigene Umkleidekabine, die Zweite im Foyer und die dritte kreisförmige Showbühne gebührt UNSERER zukünftigen Braut, die sofort von der hilfsbereiten, griechischen Hochzeitsausstatterin Panagiota zu den bis zum Rand gefüllten Kleiderschränken geführt wird. Ihre blonde, frisch zur Trauzeugin gekürte Freundin hilft ihr bei der Qual der Wahl, während wir zwei anderen Mitglieder der Brautkleid-Jury vor dem Rondell Wasser trinken, erzählen und über die mysteriösen Worte des Bräutigams philosophieren. Endlich ist es soweit, Sari verschwindet hinter dem kreisrunden Vorhang und unbewusst erinnert mich die Szene an die geheimnisvollen Auftritte bei den Blind Auditions der Sendung "Voice of Germany", bei denen der Gesang eines vom Vorhang verhüllten Kanditaten von der Jury bewertet wird. Doch hier trällert niemand, sondern Panagiota fragt: "Sind alle soweit?" und reißt wie bei der Enthüllung der Freiheitsstatue den Vorhang um Sarah herum auf. Sie sieht abwechselnd von ihr zu uns herüber, versucht, die Meinung der dreiköpfigen Fachjury von den Gesichtern abzulesen, nickt zustimmend, lobt den Fluss des Stoffes und die benähten, weißen Knöpfe, die die Schönheit des Rückens zur Geltung bringen, während ihre Augen leuchten und ihr Haardutt bebt. Doch wir sind noch etwas still und zurückhaltend in puncto Kritik, was sich im Laufe des Vormittags jedoch ändert. Wieder und wieder lüftet die kleine, flinke Griechin den Vorhang und präsentiert uns einen Bruchteil der riesigen Hochzeits-Kollektion. Plötzlich eilt ein Passant am Schaufenster vorbei, hält für einen Moment inne, taxiert Sarah samt weißem Taft von oben bis unten, lächelt ihr aufmunternd mit Daumen nach oben zu und entschwindet in dem vorbei hastenden Menschenstrom.

Irgendwann ist es soweit, die engere Auswahl ist getroffen und schließlich trägt Sari ihr ultimatives Traumkleid. Panagiota strahlt über das ganze Gesicht, lächelt glückselig und kommentiert, mit Blick auf die zukünftige Braut: "Ja, stimmt, oben sieht es mehr nach Braut aus als die anderen Kleider." Sekt wird gebracht und Fotos werden geschossen , während eine Kollegin von Pangiota in unsere Lounge kommt, mit einer der anderen Bräute die Schränke durchforstet und sagt: "Du wirst ein Gespür dafür bekommen, ob das Kleid mehr nach "Playmate" oder "Braut" aussehen sollte. Ich kenne meine Bräute!"

Zu guter Letzt begutachtet die eine mit Lederstücken besetzte Leggins tragende Chefin von "Cinderella", das ausgewählte Kleid, nickt zufrieden, äußert ihr Wohlwollen und schreitet zur nächsten Showbühne. Lisa, Sarahs Trauzeugin und wertvolles, Jurymitglied, ruft entzückt und aufgeregt: "Sarah, du hast jetzt echt dein Hochzeitskleid!!!!!" Vero hingegen zeigt ihre Zustimmung für das erwählte Objekt der Begierde, etwas verhaltener und spürt sicherlich instinktiv, dass "nicht zu viel Stoff" nicht ganz berücksichtigt wurde. Beim Verlassen des Etablissements winkt eine fröhliche Panagiota unserem Team hinterher, bevor sie sich der nächsten suchenden Braut zuwendet.

Der Kontrast in der Fußgängerzone könnte nicht extremer ausfallen, anonyme Menschenmassen und torkelnde Fußballfans schieben sich durch die Gassen, während Sarah in einem kleinen Beutel ihren Schleier spazieren trägt. Am Abend betritt der Bräutigam Sarahs Wohnung und gesteht: "Ich würde sie auch im Kartoffelsack heiraten." Warum, um Himmels Willen, haben wir den gesamten Vormittag bei Cinderella und Co verbracht? Kartoffelsäcke gibts beim Biobauern um die Ecke!