
Demos gegen Rechts
Ich befinde mich in NRW und meine stets politisch engagierte Freundin Anne informiert mich über die geplante Demonstration „Mönchengladbach stellt sich quer“. Kurzentschlossen begebe ich mich auf den Weg in das Stadtzentrum. Schon vor der Haustür versammeln sich Nachbarn aus verschiedenen Generationen mit selbst gefertigten Schildern und Transparenten, an denen ich schnell vorbei husche.
Je mehr ich mich der Innenstadt nähere, desto mehr verdichten sich die Schilder tragenden Menschen und Polizisten. Direkt vor mir läuft, trotz aufkommendem Regen, ein südländisch wirkender junger Mann in Flipflops und mit einer ca. 2-jährigen Tochter auf dem Arm. Sie sieht mich beim Überqueren der Ampel schläfrig, an seine Schulter gekuschelt, an.
Vereinzelt fallen Regentropfen auf meine frisch gewaschenen Haare und kriecht Kälte unter meinen Mantel, so dass ich in einem Kaufhaus Unterschlupf suche. Pünktlich um 18.00 Uhr, stehe ich mit einer anderen Anne und Fio, einer fröhlichen Peruanerin, direkt vor der Tribüne, umgeben von tausenden von Männern, Frauen und Kindern, die Huckepack auf den Schultern der Väter sitzen. Das Mikrofon knattert und die Initiatorin der Aktion begrüßt die Demonstranten, die trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt und Regen erschienen sind. Als von beabsichtigten Deportationen unserer ausländischen Mitbürger erzählt wird, wabert Empörung durch das Publikum und zeigt Fio mit Zeigefinger auf sich.
Millionen von Menschen demonstrieren in diesen Tagen in Deutschland. Sie tragen Schilder, auf denen sie ihre Angst und Abscheu gegen Rechtsradikalismus ausdrücken. Auslöser für diese Massenproteste sind die jüngsten Enthüllungen über ein geheimes Treffen von hochrangigen AfD-Politikern, Neonazis, finanzstarken Unternehmern und zwei CDU- Mitgliedern der konservativen Werteunion. Inhalt dieses Geheimtreffens waren, den Recherchen zufolge, Gespräche über geplante Deportationen von Menschen mit Migrationshintergrund im Falle eines Wahlsieges der Alternative für Deutschland.
Deportationen, dieses Wort beschwört in mir Bilder von 1943 hervor, ich höre die sich überschlagende Stimme Joseph Goebbels: „Wollt ihr den totalen Krieg?“, sehe Anne Franks Versteck in Amsterdam, in dem Zeitungsbilder von Greta Garbo und Heinz Rühmann kleben und erinnere mich an einen bedrückenden Besuch im Konzentrationslager Buchenwald.
Wie viel Not und Elend brachte uns Deutschen und der ganzen Menschheit der zweite Weltkrieg und letztendlich die Regierung von Nationalsozialisten?
Was ist mit uns los, dass wir so schnell vergessen und einige Bürger ernsthaft in Erwägung ziehen, eine rechtsradikale Partei erneut in die Regierung unseres Landes zu wählen, viele aus Politikverdrossenheit und wegen des Vertrauensverlustes gegenüber unserer jetzigen Bundesregierung?
Gestern las ich ein Zitat eines bekannten und berüchtigten Thüringer Politikers: Ich will, dass Magdeburg und dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben. Ich will, dass sie noch eine tausendjährige Zukunft haben, und ich weiß, ihr wollt das auch.“
Mir wird übel, wenn ich seine Worte lese.
Eine Arbeitskollegin stöhnte gestern resigniert: „Was soll das bringen mit dem Demonstrieren? Meiner Meinung nach ändert das nichts!“
In der ehemaligen DDR wurden der Bevölkerung Demonstrationen aufgezwungen. Zum 1. Mai und dem 7. Oktober, dem Jahrestag der DDR, wurden Listen geführt, wer teilnahm und wer nicht. Die wenigsten DDR-Bürger marschierten damals aus freiem Willen, sondern trotteten aus Angst vor Repressalien mit. Diese auf diktierten Massen-Demonstrationen entwickelten keine Schlagkraft, sondern erzeugten in mir einen bis heute anhaltenden Widerwillen gegen jegliche Zwangsrekrutierung. Überzeugung kann man nicht erzwingen. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die Montags-Demonstrationen 1989 zu einem Schneeball, der immer größer und größer wurde und schließlich die Berliner Mauer zu Fall brachte und zur Wiedervereinigung beider Deutschen Staaten führte.
Einen Tag nach der Demonstration in Mönchengladbach schlendere ich durch ein Warenhaus, um im Winterschlussverkauf zu stöbern. Die gestrige Veranstaltung mit geschätzten fünftausend Personen gehört der Vergangenheit an, nur hier und da entdecke ich Schilder und Transparente, Überbleibsel des gestrigen Abends.
Doch in den darauf folgenden Tagen wird in Deutschland weiter demonstriert, in Düsseldorf gehen sage und schreibe 100.000 Menschen auf die Straße, in Berlin 120.000 und in Hamburg sogar 180.000. Im Gegenzug dazu redet die an den Pranger gestellte Partei von gefälschten Zahlen und einer inszenierten Kampagne.
In Gedanken lese ich nochmals die Plakate. „Es ist fünf Minuten vor 1933“, „Hass ist stark, Liebe ist stärker“, „Nie wieder ist Jetzt“ und höre die eindringlichen Worte des Pfarrers von Mönchengladbach: „Der Regenbogen als Zeichen der Hoffnung enthält kein Braun!“
Ich weiß nicht, wohin diese Demonstrationen uns führen werden aber ich weiß definitiv, dass ich von keiner braun umrandeten tausendjährigen Zukunft träume, in der Menschen in Kategorien einsortiert und fürchten müssen, deportiert zu werden. Die anhaltenden Proteste lassen mich hoffen, dass die Opfer des zweiten Weltkrieges nicht vergessen sind und dass die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder in allen Regenbogenfarben leuchtet, außer in Braun.
Fotoquelle: Anne Baumgart