
Besuch in Naundorf
Die Lichter der vor mir fahrenden Autos leuchten auf, blenden meine Sicht, während Philipp Poisel per Bluetooth im Radio "Roman" singt. "Ich möcht' ein Roman sein, auf den Seiten deines Lebens, ein Manifest, für das du aufstehst in der Nacht". Meine Gedanken schweifen ab zu seinem Strandkorb-Konzert auf dem Flughafen Hartenholm, das ich vor wenigen Tagen mit meiner Schwester besuchten durfte. "Ach, war das schön, nach dieser langen Corona-Durststrecke!"
Langsam senkt sich die Dunkelheit über die Straßen, als ich kurz vor halb neun eine Raststätte ansteuere, den speziellen Singsang meiner Heimatregion vernehme und durch den Nieselregen wieder zum Auto sprinte. Der Moment ist gekommen, ich klingle in Wittenberg, in der Lutherstraße durch. Vati: "Na Annie, ist ja schön, dass du dich Mal meldest! Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass unsere Töchter lange nichts von sich hören lassen haben!" Ich warte ein paar Sekunden, bis ich die Bombe platzen lassen: "Seid ihr noch munter? Ich bin in einer Stunde da!?" Nun ist Vati sprachlos, findet seine Stimme aber relativ schnell wieder. Als ich eine Stunde darauf in der Lutherstraße einbiege, wartet mein Väterchen bereits vor dem Tor und nimmt mich freudig in Empfang, indem er mir durchs herunter gekurbelte Fenster durch die Haare wuschelt. Mutti, inzwischen mit schlohweißem Haar, wartet in der Wohnung, in der hell erleuchteten kleinen Küche und schließt mich freudig in ihre Arme. Minuten darauf halten wir ein erstes Schwätzchen, während Mutti aufrecht auf einem Wohnzimmerstuhl sitzt und Vati einen neuralgischen Punkt an ihrem Rücken knetet. Das nennt man wohl wahre Liebe.
Am nächsten Morgen öffne ich noch etwas verschlafen, die Küchentür, hinter der ich die Stimmen meiner Eltern vernehme. Vati: "Annie, wir haben schon Mal den Tag durchgeplant. Wir sind heute zum Kaffee bei Lehmanns in Naundorf eingeladen. Dort kannst du geschlagenes Holz mitnehmen und dann wird noch gegrillt!", fügt er fast triumphierend hinzu. Ein bisschen belustigt frage ich: "Ach, habe ich gar kein Mitspracherecht?", was meine Eltern geflissentlich überhören.
Irgendwie ist mir heute alles recht. Ich freue mich über ihren Tatendrang , der im krassen Gegensatz zu der Lethargie mancher geriatrischer Patienten auf meiner Station steht und sitze sechs Stunden später brav auf der Rückbank des Autos meiner Eltern.
Unterwegs entspinnen sich wie immer eigentümliche Dialoge.
Vati:"Ich sag ja immer, ich habe meine erste Schokolade von Amerikanern"
Mutti protestiert: "Na, ich doch auch!"
"Was? Ihr hattet doch keine Kriegsgefangenen auf dem Hof!"
"Natürlich, Erwin!"
Als ich still und leise, Notizen in mein Handy tippe, höre ich:
"Annie, was machsten du? Weißt du überhaupt, wo wir sind?
Du nimmst die schöne Natur um dich herum gar nicht wahr!"
Bei seinen Worten fühle ich mich plötzlich vierzig Jahre zurück versetzt, bin wieder Schulkind und höre die Unterweisungen meines Vaters, der mir die Natur nahe bringen möchte. Einmal Kind, immer Kind!
Vatis Golf fährt den altbekannten Weg durch den Wald, streift mannshohe Maisfelder und kommt schließlich unweit von Hinzes Garten und der Friedhofsmauer zum Stehen. Mutti und Vati begrüßen ihren, sich im Gartenstuhl sonnenden Freund, während ich mit üppigen Asterntöpfen ausgestattet, zum Friedhof laufe. Noch ehe ich die Töpfe auf die Gräber meiner beiden Großväter abstellen kann, spricht mich, eine Frau mittleren Alters, mit modernem, grauen Kurzhaarschnitt, Jeans, legerem Oberteil und hellgrünen Stoffschuhen an.
"Anja, bist du's? Ich habe dich sofort wieder erkannt!" Mir ist klar, dass sie eine der beiden Bürgermeister-Töchter ist, nur welche? Anke, die Ältere der beiden, ist inzwischen, soweit ich weiß, Psychologin und Christin, die Jüngere, arbeitet als Erzieherin, meinen letzten Informationen zu Folge, in Celle. "War Anke nicht immer etwas größer als ich?" Als mein Gegenüber hinter der Mauer von Anke spricht, zu der sie in letzter Zeit intensiven Kontakt pflegt, offenbart sich ihre Identität. "Meine Güte, habe ich Christin nicht das letzte Mal vor ungefähr fünfunddreißig Jahren gesehen? Wahnsinn!", geht es mir durch den Kopf. Inzwischen gesellt sich ihr Onkel zu ihr, der mich, den Kopf schräg haltend, anlächelt.
Schnell platziere ich die Vegetation auf den Gräbern, umrunde die Mauer und halte nach Ewigkeiten ein Schwätzchen mit Christin, die inzwischen als Sozialarbeiterin tätig ist, dies aber gern verheimlicht, da Sozialarbeitern oft der Stempel des Sonderbaren anhaftet.
Im Zeitraffermodus versuchen wir, die letzten Jahrzehnte in wenige Minuten zu pressen und freuen uns ehrlich über dieses unverhoffte Spontantreffen.
Viel zu spät haste ich zu Lehmanns, vorbei an einer Baustelle bei Brabandts, von der mir ein bekannter Maurer vom Dach aus zuruft: "Hallo Anja, Heinz wartet schon. Er war hier und hat gefragt, ob ich euch gesehen habe!"
In Naundorf hat sich anscheinend nichts verändert, jeder kennt jeden und weiß auch über die jeweiligen Besuche des anderen Bescheid.
Heinz und Edith empfangen, bewirten und verwöhnen uns, berichten von Naundorf-News und Enkelkindern und wagen schließlich eine Runde mit mir durch das Ober- und Unterdorf. Als wir die Rückseite unseres ehemaligen Hauses entlang gehen, überkommt mich Trauer, da die Stallungen eingefallen und verwahrlost wirken und so gar nichts mehr an meine Kindheit in diesem Haus erinnert. Wir laufen weiter, sammeln Vati im Haus an der Ecke ein und statten am Ende der Dorfrunde der legendären Lücke einen Besuch ab, was nicht unbemerkt bleibt. Ein Mann mittleren Alters mit kräftiger Statur sitzt auf den Stufen der alten Dorfschule und meint: "Na Anja, guckste in die Lücke? Ich kann mich noch gut an deine Geschichte erinnern!"
Als wir wenige Stunden später wieder nach Wittenberg fahren, durchlebe ich auf der Golf-Rückbank erneut die Momente des Tages, denke an Christin, die Sozialarbeiterin, Palli auf dem Dach, die wohltuende Gastfreundschaft von Edith und Heinz und an die Worte: "Ich kann mich gut an deine Geschichte erinnern!"
Auch wenn ich inzwischen in Schleswig Holstein wohne, fühle ich trotz verschlungener Lebenspfade eine Verbundenheit mit diesem kleinen Dorf, in dem ich aufwachsen durfte und ich weiß, ich bin, die ich bin durch diese Wurzeln.