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Am Fließband

Gedankenverloren stehe ich am Fließband eines Billigdiscounters und lasse mich noch in letzter Minute zum Kauf eines kleinen Tannenbäumchens verführen. Dabei kenne ich mich, weiß um die Sinnlosigkeit einer eingepflanzten Tanne, die spätestens Ende Dezember ihre braunen Nadeln verlieren wird, da ich zu viel oder zu wenig gegossen, gepflegt und falsch platziert habe.

Einschlägige Erfahrungen mit Gedeihversuchen diverser Küchenkräuter, Flora und Fauna aus meinem Gedächtnis verbannend, will ich es erneut wagen und stelle den Mini-Baum neben das Netz mit Mandarinen und den reduzierten Backzutaten. Konzentriert lese ich die Pflegehinweise der Vegetation: "Sonnig, im Halbschatten, stehende Nässe vermeiden, Outdoor", als ich ein Gespräch in unmittelbarer Nähe wahrnehme. Der ältere Herr vor mir: "Tja, da staunt man manchmal nur! Manche Leute können einfach nicht lesen!" Eine ältere Dame mit blond gefärbten Haaren und verkniffenem Gesichtsausdruck erwidert: "Genau!" mit süffisantem Blick zu mir und dem Aufkleber am Fußboden mit der Beschriftung "2 Meter Abstand!" Verzögert realisiere ich, dass die beiden mich meinen. Ihre unausgesprochenen Gedanken wabern über dem Fließband hin und her und lassen mich erschrocken zurück springen und rufen: "Oh, tut mir leid!" Mit einer gewissen Selbstgefälligkeit erwidert er, mich von oben bis unten musternd: "Alles gut!"

Ich schweige. Dabei will ich ihm sagen: "Nichts ist gut! Warum sagen Sie nicht einfach: "Vorsicht, achten Sie bitte auf den Abstand, statt sich subtil, von hinten durch die Brust, mit der Frau das Maul zu zerreißen?"

Ich bin nicht in der Stimmung für Diskussionen, denn meine mannigfaltigen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen haben mich ebenso gelehrt, dass derlei angespannte "Fließband-Plaudereien" die Fähigkeit besitzen, zu eskalieren. Für wenige Sekunden denke ich an ein hitziges Wortgefecht vor wenigen Monaten zurück, als eine junge Frau einem Herrn in der Warteschlange einer Drogerie zurief: „Was sind Sie denn für einer? Was haben Sie denn für eine Kinderstube genossen? Ihre arme Frau ist zu bemitleiden!“ Mühsam schüttle ich das Unbehagen ab und wende mich konzentriert dem freundlichen Kassierer hinter dem Plexiglas zu. Es scheint, als würde das Plexiglas nicht nur Schutz vor dem Coronavirus bieten sondern auch aggressives Verhalten, unangebrachte Worte von ihm fern halten. Als er mich spitzbübisch hinter seinem Schutzwall anlächelt, verflüchtigen sich auch meine düsteren Gedanken wie von Zauberhand und ich denke an den erst kürzlich gelesenen Spruch: „Von allen Medikamenten im Alltag ist ein Lächeln bei weitem die beste Medizin.“ (Sri Chinmoy) Minuten später sind der ältere Herr und die Dame längst verschwunden und stelle ich mein soeben erstandenes Bäumchen vorsichtig in den Kofferraum.

 

Bildquelle: Steffi Gaul