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Begegnung im Zug

„Siegfried, wo bleibst du denn schon wieder? Das ist ja wieder typisch für dich!“

Die zwölfjährige Svea, meine „vis-à-vis-Partnerin“, schaut gebannt mit mir in dieselbe Richtung des Zugabteils, dorthin, wo die rigorose Frauen-Stimme mit Siegfried schimpft. Frei nach Murphys Gesetz ahne ich bereits in diesem Moment, dass die forsche, zirka 80jährige Dame samt Anhang, nach unseren beiden Fensterplätzen Ausschau hält. Energisch schiebt sie sich, Siegfried sowie das Gepäck von Sitzbank zu Sitzbank, während sie zeitgleich die Sitzplatznummern entziffert und schließlich vor unserem Vierer-Tisch zum Stehen kommt. Laut vergleicht sie ihre Zugtickets mit den Nummern. Ein wenig eingeschüchtert und um meinen Sitzplatz bangend, sage ich: „Ich glaube, die beiden Fensterplätze gehören Ihnen, die vorderen Plätze sind frei!“ Ihr Blick streift mich mit hoch gezogener Augenbraue und erwidert schnippisch: „Ich weiß!“


Die burschikose Dame sieht unschlüssig auf ihren Trolley, nimmt ihn halbherzig hoch als auch schon ein junger Fitness geschulter Mann mit: „Kann ich helfen?“ danach greift und ihn mit Leichtigkeit auf die Gepäck-Ablage schwingt.
Inzwischen bin ich aufgestanden und lasse, die sofort als Berlinerin identifizierte Frau, durchrutschen, während der als Siegfried betitelte sich freundlich an Svea vorbei schlängelt und schließlich japsend, diagonal von mir Platz nimmt. „Ach, ist das anstrengend!“, rutscht es ihm heraus, worauf er einen kritischen Blick seiner Partnerin erntet: „Was ist denn hier anstrengend, Siegfried? Wir sitzen bequem und fahren bis Hamburg durch!“

Aufmerksam betrachte ich sein von Lachfältchen durchzogenes Gesicht und seine warmen braunen Augen und denke, dass ein Paar kaum unterschiedlicher sein könnte als diese beide. Doch meine Gedanken werden just unterbrochen, da meine Nachbarin unruhig hier zuppelt und da zuppelt, offensichtlich ihre Handtasche nach den wichtigen Reiseunterlagen durchwühlt und schließlich unüberhörbar in Siegfrieds Richtung stöhnt: „Unsere Tickets sind noch in der Seitentasche des Trolleys! Wie dumm!“ Diensteifrig biete ich meine Hilfe an und fische die ausgedruckten Fahrkarten, sowie Tickets für die Philharmonie aus der großen Seitentasche des Trolleys über mir heraus. Dankbar lächelt sie mich an und endlich weicht ihre Angespanntheit einem vorsichtigen Lächeln. Ich suche derweil das Gespräch mit der zwölfjährigen Svea, die mutterseelenallein zurück in die Hansestadt fährt. Meine Fenster-Sitznachbarin mischt sich in das Gespräch ein: „Fährst du etwa ganz allein?“ Kritisch zieht sie erneut die Augenbraue hoch, eine Begabung, die ich auch gern hätte.

Ohne ihr Unverständnis explizit zu äußern, kann ich ihre Gedanken von ihrer Stirn ablesen. Unbeholfen versuche ich das Gespräch von der schüchternen Svea auf die Hamburger Philharmonie umzuleiten: „….und Sie gehen in die Philharmonie? Was hören Sie denn?“
Die Rechnung geht auf und sie wendet sich mir zu: „Wir haben Karten für eine Bigband, eigentlich kein Musikstil, den ich mag aber ich bin Sponsor und habe die Karten geschenkt bekommen.“ Meine Ehrfurcht wächst. Wer sponsert denn bitteschön die Philharmonie? Plötzlich schimpft es unüberhörbar neben mir: „Was ist das denn? Das stinkt ja fürchterlich. Wer hat da hinter mir seine Käsefüße ausgepackt? Iiii! Siegfried, du kennst doch meine sensible Nase! Oh, ist das eklig! Unmöglich ist das!“ Eine Frau vom Nachbartisch gibt mir vorsichtig nickend ein Zeichen, dass den Reisenden hinter mir, deren Käsegeruch zu Ärger geführt hat, langsam aber sicher der Geduldsfaden reißt.

Für einen winzigen Moment denke ich an eine meiner Töchter, die eines Tages bei ihrer Heimkehr aus der Grundschule stolz verkündete: „Ich bin jetzt in der Streitschlichter-AG!“ Wie würde ein geschulter Streitschlichter in dieser Situation agieren? Seelenruhig schäle ich meine Mandarine, atme den Geruch tief ein und schiebe die Schalen in unsere Mitte: „Vielleicht hilft ja der Geruch der Mandarine?“
Sie inhaliert demonstrativ, nicht ohne nochmals ihre Missbilligung über den penetranten Geruch hinter uns kundzutun. Schließlich reden wir über Bücher: „Ich lese keine triviale Literatur, mich interessiert vor allem die jüdische Geschichte, Biografien und Erfahrungen aus der Kriegszeit.“, spricht sie mit abwechselndem Blick zu Siegfried und zu mir. Siegfried nickt. „Wir sind nicht verheiratet, wir sind beide verwitwet!", erklärt sie ungefragt. Endlich öffnet auch der alte Herr schräg gegenüber den Mund, wobei ein Schatten über sein Gesicht fällt: „Meine Frau ist vor sechs Jahren gestorben.“ „…und wo haben Sie beide sich kennengelernt?“ frage ich spontan, ohne nachzudenken.


Beide sehen sich an, als die Dame neben mir für ihn antwortet: „In einem Café in der Nähe des Friedhofs! Mir fiel sofort sein spitzbübisches Lächeln auf, das hat mir sofort gefallen. Das war irgendwie niedlich.“ "Irgendwie niedlich" klingt seltsam aus dem Mund dieser resoluten Frau. Verliebt sieht er zu ihr hinüber und ich denke, dass Liebe alterslos ist, Alt und Jung gleichermaßen befällt. „Was dachten Sie denn bei Ihrer ersten Begegnung?“, frage ich meinen Diagonal-Sitznachbarn. Ein verschmitztes Lächeln zieht über sein Gesicht: „Sie sind aber ganz schön neugierig!“ Ich erwidere sein Lächeln und sage: „Ich bevorzuge das Wort „interessiert“!
Er räuspert sich und antwortet: „Die ist genau richtig für mich!“
Das erste Mal erlebe ich meine Nachbarin verlegen, wobei ihre Wangen sich leicht röten: „Wissen Sie, ich bin immer unruhig, durch ihn komme ich zur Ruhe. Das tut mir so gut. Leider ist er sehr krank. Sein Herz! Manchmal schimpfe ich mit ihm, dass er sich ja zusammenreißen soll und bei mir bleiben muss!“ Irgendwie erwärme ich mich immer mehr für diese Frau, obwohl sie so eine harte Schale, einen Schutzpanzer um sich herum angelegt hat.


Unser Gespräch versiegt, während Svea abwechselnd in ihrem Tablet liest oder sich mit Mathematik beschäftigt. Das gleichmäßige Rattatoom des Zuges wiegt mich sanft in den Schlaf als ich plötzlich aufschrecke: „Gucken Sie mal, der Mann da drüben der fummelt die ganze Zeit an seinen Händen herum, ist das unangenehm!“ Müde folge ich ihrem Blick. Auf der anderen Seite des Flures sitzt ein ganz normaler, junger Mann, der auf sein Handy starrt und ja, an seinen Fingern spielt- na und?“ „Gucken Sie mal, jetzt spielt er an seinem Bart herum, ich kann gar nicht hingucken. Das ist so, wie mit einem hohlen Zahn, man will ihn nicht beachten und macht es dennoch.“
Kein Wunder, dass diese Frau so dankbar für ihren Siegfried ist, den das Ganze genauso kalt lässt wie mich.
Langsam aber sicher nähern wir uns Hamburg Hauptbahnhof und somit dem Ende unserer gemeinsamen Reise. Svea sortiert ihre Schreibsachen weg und das betagte Liebespaar rüstet zum Aufbruch. Die Sitznachbarn hinter mir atmen sicherlich auf, da sie nun von weiteren verbalen Angriffen verschont bleiben.


Eigentlich wollte ich während der Fahrt lesen, Briefe schreiben und eine kleine To-Do-Liste abarbeiten, was mir mit meiner unterhaltsamen Begleitung nicht vergönnt war.
Je älter ich werde, desto öfter werfe ich meine Pläne über Bord, kämpfe nicht mehr gegen bestimmte Gegebenheiten, die ich nicht ändern kann und versuche den Spruch, den mir mein lieber Freund Matthias Pfeifer einst mit auf den Weg gab, zu beherzigen: „Niemand ist dein Freund, niemand ist dein Feind aber jeder ist dein Lehrer!“ Als ich eine Stunde später im Zug nach Rendsburg sitze, lächele still in mich hinein, weil ich in Gedanken eine dominante Frauenstimme wettern höre: „Wer hat da hinter mir seine Käsefüße ausgepackt? Siegfried, du kennst doch meine sensible Nase!“