
Anne
Juni 2021
Ich versuche zu schlafen, wälze mich von einer Seite zur anderen, während Gelächter durch Bünsdorfs Straßen schallt und meine Gedanken um Alltäglichkeiten kreisen. Plötzlich vibriert mein Handy auf dem Nachtschrank und ich lese ungläubig den Namen der Anruferin.
Zaghaft betätige ich die grüne Hörertaste: "Anne?" , krächzt meine Stimme fragend durch das dunkle Schlafzimmer. Am anderen Ende kichert es übermütig: "Anjanchen, ich bekomme gar keine Geschichten mehr von dir geschickt!" Ich pruste los und bin von einer Minute auf die andere hellwach.
Anjanchen wurde ich seit über zehn Jahren nicht mehr gerufen und bis heute gibt es nur eine Person auf der Welt, die mich so tituliert. Die Stimme katapultiert mich in rasantem Tempo in die achtziger Jahre zurück. Damals begann ich meine Ausbildung am Paul-Gerhardt-Stift, dem größten evangelischen Krankenhaus der DDR, rannte mit einer zweifach gefalteten Überlängen-Haube die Krankenhausflure entlang und lernte die fröhliche Anne kennen, die wildfremde Menschen als Bläser identifizierte, mit Vorliebe Strümpfe strickte und mit einer unwiderstehlichen Art Charme versprühte, dem man sich nicht entziehen konnte.
Wir paukten gemeinsam Anatomie und Physiologie, tranken Tee, während Grönemeyer krakeelte und Herman Van Veens säuselnde Stimme von den rotierenden Schallplatten erklang. Nach vier Jahren im Schwesternwohnheim legten wir auf der selben Station, dem sogenannten KASTI, das Examen ab, das eisern von Regine 1 und 2 regiert wurde. Wenn Regine 2 mit ihrem tiefenentspannten Phlegma in der Abwesenheit von Regine 1 die Station leitete, relaxte auch das Team und arbeitete in gemäßigterem Tempo und mit etwas weniger Sorgfalt, was Regine 1 bei ihrer Rückkehr rigoros unterband.
Im selben Jahr verreisten wir nach Budapest, was zu DDR-Zeiten ein absolutes Highlight war, denn dort gab es "Westklamotten" und Lederwaren, viele Dinge aus dem kapitalistischen Ausland, die unser Herz höher schlagen ließen. Wir verlebten zwei abenteuerliche Wochen in Ungarns Hauptstadtmetropole mit Razzia im Studentenhotel, Trampen in die Puszta und Devisenhandel auf dem Schwarzmarkt.
Aus heutiger Sicht glich dieser Roadtrip eher einer Reise zu mir selbst, waren diese zwei Wochen mit Anne, so seltsam es klingen mag, erfrischend wie ein sanfter Sommerregen und prägend für die darauf folgende Zeit, so dass ich auch noch Jahre später in meinen Träumen die Brücke von Buda nach Pest entlang lief, wo mich eine laue Sommerluft, gepaart mit fremdartigen Gerüchen umwehte.
Juli 2021
Zehn Tage nach Annes Anruf und dem Senden eines aktuellen Fotos, stehen wir uns in Bünsdorf gegenüber. Auch wenn unsere Haare inzwischen grau meliert und die Fältchen um unsere Augen und den Mund tiefer geworden sind, gibt es keinen Zweifel an unserer Identität. Annes Lächeln ist nach wie vor bestechend, eine gewisse Vertrautheit nach wie vor spürbar. So gackern wir wie in Internatszeiten, tauschen Erinnerungen wie zwei hochbetagte Frauen aus: "Weißt du noch, damals in Ungarn?" und marschieren untergehakt quer durch Bünsdorf, vorbei an Mohnblumenwiesen und schnatternden Wildgänsen.
Selbst nach dreißig Jahren ist Anne noch immer eine energiegeladene Frau mit unorthodoxen Ideen. So schlüpft sie beispielsweise von Zeit zu Zeit in die Rolle von „Fräulein Hilfreich“, einer alten Gemeindeschwester, die sich sogar zum Geburtstagsbankett des Bürgermeisters hineinschmuggelte und dem Jubilar mit dicker Hornbrille und blickdichten Stützstrümpfen ausgestattet, gratulierte. Als erstes staubte sie dienstbeflissen seinen Schreibtisch mit einem Fasanenstaubwedel ab und kredenzte ihm einen Liegestuhl. Anschließend hielt sie feierlich eine Rede über die Notwendigkeit von Reinlichkeit, besonders in Zeiten von Corona und steckte dem überraschten Stadtherrn kurzerhand ein Stück Seife in Form einer Ente in sein Jackett.
Weiterhin näht Anne Kopfbedeckungen für ihre Enkelkinder, die sie liebevoll „Großmamsi“ getauft haben und fotografiert mindestens genauso leidenschaftlich wie ich, so dass wir auf der Suche nach Motiven, bei unserem Spaziergang zeitgleich innehalten.
Am nächsten Morgen, als die Sonne erste Strahlen durch mein Dachfenster wirft, höre ich ihre Schritte auf den knarzenden Dielen im Flur. „Anne? Alles ok?“ , rufe ich hinüber, da sie seit Wochen mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Zaghaft klopft es an meiner Schlafzimmertür: „Anjanchen, darf ich reinkommen?“ Sekunden später liegen wir beide mit Blick an die tapezierte Dachschräge im Bett und philosophieren über den Sinn des Lebens und kichern wie Anno Domini im Internat. Unser Lachen schlüpft durch den Fensterspalt hinaus in den Garten und ich denke, wie seltsam das ist.
Nie hätte ich mit Anfang zwanzig vermutet, dass Frauen in unserem reifen Alter noch so albern sein könnten. Inzwischen hege ich den Verdacht, dass wir selbst mit über neunzig Jahren, tief in unserem Innersten, bis auf einen beachtlichen Erfahrungsschatz, dieselben sein werden, nur mit einer schrumpligen Hülle.
An unserem ersten gemeinsamen Tag besuchen wir das Ostseestädtchen Eckernförde, zu dem ich jeden meiner Besucher, einem unbekannten Ritus folgend, hin navigiere. Anne plaudert munter drauflos mit jeder Person, die ihr über den Weg läuft, ein Verhalten das dem meinen sehr ähnelt und über das meine Kinder, mit leichter Ironie und Stöhnen in der Stimme sagen: „Na Mama, wie heißen die Personen neben dir, woher kommen sie und was sind sie von Beruf?“. In Anne entdecke ich eine verwandte Seele, die Freude daran hat, mit Menschen in Kontakt zu treten, die im wahrsten Sinne des Wortes Land und Leute kennenlernen möchte.
Wir schlendern durch das Städtchen, loggen uns per Luca-App in einem Cafe ein und schlemmen als krönenden Abschluss in einem Thailändischen Restaurant, in dem Anne die Meeresfrüchte favorisiert.
So unterschiedlich unsere bisherigen Lebenswege verlaufen sind, so verbindend ist dennoch eine vierjährige Zeit im Internat, in der wir morgens wortkarg ins Gemeinschaftsbad schlürften, eine Ausbildungszeit, in der wir uns frühzeitig mit Leben und Tod auseinander setzen mussten und ohne es zu merken erwachsen wurden.
Als sich unsere zwei gemeinsamen Tage dem Ende neigen, setzt Anne ihre Reise nach Wangerooge fort. Ausgestattet mit Backwaren unserer Bünsdorfer „Backstuv“ steigt sie ins Auto. Gedankenverloren winke ich dem Auto hinterher und ziehe, Minuten später, die Haustür hinter mir zu. Die Worte des bekannten jüdischen Philosophen Martin Buber gehen mir durch den Sinn: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung!“ und spüre im selben Moment die Wahrheit dieser Weisheit, als ich mich beschwingt und glücklich in meinen Alltag stürze.