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Essen Hauptbahnhof

Der Zug kommt mit lautem Quietschen zum Stehen, während ich meine in Düsseldorf gekauften Reiswaffeln knuspere. Ab und zu verteile ich ein paar Krümel auf dem Boden, was ich geflissentlich übersehe. Es ist inzwischen 7.10 Uhr.

Wieder einmal bin ich müde, da ich aus Kostengründen die preiswerteste Verbindung um kurz vor 6.00 Uhr gebucht habe. Während meiner letzten Reise kämpfte ich ebenfalls mit einer bleiernen Müdigkeit und hatte mir den Handy-Timer für ein kleines Schläfchen gestellt, um nicht aus Versehen meinen Ausstieg in Hamburg zu verpassen.
Als ich schließlich durch ein beharrliches Vibrieren unsanft aus meinen Träumen gerissen wurde, bemerkte ich, dass der Handywecker bereits geraume Zeit auf sich aufmerksam machen wollte. Beschämt sah ich zu meinem Sitznachbarn, einem freundlichen Sylt-Reisenden, hinüber. Grinsend erwiderte er meinen Blick und meinte: „Sie haben aber einen gesunden Schlaf. Der Wecker klingelt seit zehn Minuten. Ich wollte mal gucken, wie lange es dauert, bis sie wach werden.“
Wie peinlich!

Wieder im Hier und Jetzt bin ich meilenweit davon entfernt, schlafen zu können, da eine Horde pickliger und krakeelender Teenies mein Abteil stürmt. Die Menschenschlange bestehend aus pubertierenden Dreizehn- und Vierzehnjährigen nimmt und nimmt kein Ende. Mädchen mit bevorzugt bauchfreien Oberteilen und Schlaghosen, die um dürre Beine schlackern, drängeln sich kichernd und flüsternd neben mir in den Gang, während ein bärtiger Lehrer mit Nickelbrille, kurzen Hosen und weißem, zugeknöpftem Hemd vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen.
Ruckelnd setzt sich der Zug wieder in Bewegung und bald sitzt die gesamte Schulklasse auf ihren Plätzen. Am Tisch links vor mir sind vier Jungen platziert, die UNO spielen und sich anschließend Flachwitze erzählen. Einer von ihnen, dessen Stimme sich noch nicht im Stimmbruch befindet sagt: „Herr Doktor, ich schlafe schlecht, ich schnarche immer so laut. Der Doktor antwortet: „Dann gehen sie doch in ein anderes Zimmer!“ Verhaltenes Lächeln bei seinen Kumpels. 

Gleichzeitig formiert sich eine Girls Power Peergroup, die sich aus dem Gang hinaus bewegt, die Tür hinter sich schließt und einen Gesangswettstreit beginnt, della „Voice of Germany“. Ich dämmere ein wenig vor mich hin, selbstverständlich mit eingestelltem Timer, was jedoch völlig unnötig zu sein scheint. Die elektronische Tür neben mir öffnet sich und lauter Gesang dringt unerbittlich ins Zugabteil, was den Lehrer schließlich alarmiert. Sein grau melierter Haarschopf neigt sich nach rechts Richtung Gang und ruft: „Hey Mädels, kommt zurück! Das geht nicht, dass ihr so laut seid, schon gar nicht bei offener Tür!“ Fünf gertenschlanke Mädchen mit langen offenen Haaren unterschiedlicher Couleur kehren zurück in den Schoß des Klassenverbandes, werfen verstohlene Blicke Richtung Hoodie tragender Jungs und nehmen schließlich erneut Platz.

Meine Gedanken schweifen ab zu einer Klassenfahrt vor vielen Jahren, in der bei einer Schulwanderung mein Schuh im Schlamm steckenblieb und ich schadenfrohes Lachen meiner Schulkameraden erntete. Ich erinnere mich an die Hitze, die in diesem Moment in mir aufstieg, an Flaschendrehen und Schuldisco- an meine pubertäre Unsicherheit und „Zickenalarm.“ Manche Erwachsene mahnten mich eindringlich: „Eines Tages wirst du dich zurück sehnen nach diesen Tagen, Schulzeit ist die schönste Zeit!“ Erstaunlicherweise ist die nostalgische Sehnsucht nach diesen Tagen bis heute nicht eingetreten.
Meine Erinnerungen zur Seite schiebend, höre ich plötzlich eine überdeutlich artikulierende weibliche Lautsprecherstimme, die uns über die Verspätung in Hamburg Hauptbahnhof aufklärt und uns mögliche Alternativen nennt. Eine Viertelstunde später höre ich ein lautes, pädagogisches, Ruhe einforderndes: „Tschschschsch!!! Seid bitte mal ruhig! Das hier ist wichtig! Wir werden unseren Anschluss in Hamburg Hauptbahnhof wahrscheinlich nicht schaffen. Der Zug hält zusätzlich in Hamburg Dammtor, wo wir dann sieben Minuten zum Umsteigen haben. Dann ist keine Zeit für: „Herr Müller, ich muss noch meinen Koffer holen! Ist das allen klar?“ Zustimmendes Gemurmel. „Hier sind eure neuen Sitzplatznummern….“ Es folgt eine Aneinanderreihung von Namen und Zahlen, was ein junges Mädchen dazu veranlasst, sich Richtung Lehrer-Sitzplatz vorzuarbeiten und mit einschmeichelnder Stimme das Gespräch mit ihrem Lehrer zu suchen: „Herr Müller, kann ich vielleicht einen anderen Sitzplatz haben?“ Stöhnend verneint der etwas angespannte Klassenlehrer diese Anfrage. „Nina, es reicht, geh auf deinen Platz!“

Ich beneide ihn wirklich nicht. Selbstversunken sehe ich mein sechsjähriges Ich vor einer Tafel stehen und Schule spielen. So brav, anpassungsfähig und vor allem stumm, wie meine Puppenschulkinder sich damals verhielten, begreife ich einmal mehr, war reine Utopie. Ich überlege: „War es vielleicht doch keine Laune des Schicksals, dass ich statt Lehrerin Krankenschwester geworden bin?“ Diesem Gedanken nachhängend, verpasse ich fast meinen Ausstieg in Hamburg Hauptbahnhof, da die Schulklasse in angespanntem Schweigen verharrt und, wie angekündigt, bis Dammtor sitzen bleibt.
Mit einem letzten Blick zu dem gebeutelten Herrn Müller und der aufsässigen Nina schwinge ich meinen grauen Rucksack auf den Rücken und ziehe den Trolley vorbei an einem Werbeschild der KN: „Kein Gesabbel, nur Fakten“. Ich muss lächeln und denke: „Willkommen zurück im Norden.“

Fotoquelle: www.steffigaulphotography.de